Das 90 Grad zählt zu den wenigen Diskotheken Berlins, die Zeiten und Brüche gut überstanden haben. Der Laden im Westen ist cool, seit es ihn gibt, vor der Wende wie danach. Ob das abstrahlen kann? In der vergangenen Woche bat das 90 Grad zu einem "Abend mit Rezzo Schlauch", auch wenn sich alle, die die Einladung nicht gründlich gelesen hatten, von Rezzo Schlauch ins 90 Grad eingeladen fühlten. Was wollte er feiern? Geburtstag? Ein anderes, unbekanntes Jubiläum?

Bis heute weiß das niemand. Es wurde einfach ein rauschender, wunderbar sinnloser Abend. Das halbe Kabinett war dabei, Abgeordnete, Journalisten und vereinzelte Stammgäste drehten sich bis in den frühen Morgen auf der Tanzfläche. So ausgelassen hatte man die Grünen lange nicht gesehen. Warum nach einer so schönen Nacht über die Gründe nachdenken?

Ach, die Grünen. Seit vier Jahren laufen der Partei der institutionalisierten Adoleszenz die Jungwähler weg. Nach den dramatischen Einbrüchen im grünen Erfolgsland Baden-Württemberg beginnen nun auch die Älteren den Trend als Problem wahrzunehmen. Selbst Joschka Fischer, der grüne Pate, raunte etwas von "Verjüngung".

Das Wort vom "Generationenprojekt" ist nicht mehr nur ein Kampfbegriff der Opposition

es fällt inzwischen in fast jeder semikritischen Selbstanalyse.

Wer wollte es auch leugnen? Repräsentiert wird die Partei von der Fischer-Generation, die 68 geprägt hat - und von der Künast-Generation, die wiederum von der Fischer-Generation geprägt wurde. Das macht sich bemerkbar: im medialen Antlitz der Partei, aber auch in Stil, Ausstrahlung und - Inhalt. Wie sollen sich die Jungwähler, hineingeboren in eine Welt im Umbruch, für eine Partei erwärmen, die am liebsten über Abfallwaggons auf norddeutschen Schienen streitet? Andererseits, und da liegt vielleicht das eigentliche Problem: Welcher Grüne könnte zeitgemäße Themen glaubwürdig vertreten?

Viele fehlen. Es fehlt der junge Unternehmer, der grüne Stollmann, der Deutschlands Start-up-Szene Mut zusprechen könnte. Es fehlt der junge weltgewandte Außenpolitiker, der die überfällige Diskussion über deutsche Europa- oder Amerikapolitik entfachen könnte. Es fehlt der junge, philosophisch gebildete Biologe, der das Thema Gentechnik kompetent besetzen kann.