Berlin

Zum Schlussstrich drängt es alle. Beinahe alle. Die Justiz, das Parlament, die CDU-Führung, die Wählerschaft, das Gros der Medienöffentlichkeit - sie alle scheinen, irgendwie jedenfalls, die Affäre Kohl bereits beendet zu haben, auch wenn es nicht alle offen aussprechen möchten.

Es findet eine Kapitulation auf breiter Front statt. Einmal ist da die Justiz, die rät, nicht dauernd mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumzulaufen, jedenfalls nicht, wenn es um den "Kanzler der Einheit" geht.

Also belegt sie Kohl mit 300 000 Mark Strafe, was keine Kleinigkeit ist, tut aber so, als habe er bloß falsch geparkt. Kein "öffentliches Interesse" an einem Verfahren wegen der Schwarzen Kassen? Die Frage nach dem demokratischen Gebaren, dem Einhalten der Regeln, nach der Geltung der Gesetze für jemanden, der "geistig-moralisch" führen wollte, sich an seine eigenen Maßstäbe aber nicht hält - sie interessiert nicht öffentlich? Aber es ist ja nicht nur die Justiz, bei der die Deformationen der Kohl-Jahre nachwirken. Die Wähler in Hessen haben bestätigt, auch im Falle Roland Kochs und seiner CDU fünf gerade sein lassen zu wollen. Von dort führt ein gerader Weg bis zur Resignation oder zum Desinteresse vieler Medien.

Burkhard Hirsch ist als "Handlanger" einer "Diffamierungskampagne" beschimpft worden. Kein Kanzler, kein Parlamentspräsident, kein Ausschussvorsitzender hat "Halt!" gerufen, wie es sich gehört hätte. Der Kritisierte ist aber nicht nur ein Liberaler par excellence, zugleich war er viele Jahre lang eine Art rechtsstaatliches Gewissen der Republik im Parlament. Deshalb ernannte Gerhard Schröder ihn zum Sonderermittler, der klären sollte, was heimlich im Kanzleramt geschah, während sich Kohl auf der offenen Bühne pfälzisch und doch mit Grandezza verabschiedete. Mit seinem republikanischen Grundverständnis verkörpert Hirsch tatsächlich das Kontrastprogramm zu dem, was man unter dem "System Kohl" verstehen kann. Bürger Hirsch versus Bürger Kohl: Geradezu idealtypisch prallen da die beiden Spielarten von Bürgerlichkeit aufeinander. Und noch einmal wird man daran erinnert, dass sich Kohls Partei nicht entscheiden kann, was davon sie vorzuziehen gedenkt.

Sie war, was ihren Ehrenvorsitzenden a. D. angeht, schon einmal weiter.

Das Kanzleramt verhalte sich völlig korrekt