Arnold Schönberg hatte 1918 längst die "luft von anderem planeten" gefühlt, Igor Strawinsky mit seiner Pariser Uraufführung von Le sacre du printemps einen der größten Skandale der Musikgeschichte provoziert. Edward Elgar aber komponierte während der letzten Tage des Ersten Weltkriegs in seliger Abgeschiedenheit eine Violinsonate, die in ihrer fast ungebrochen romantischen Haltung schon damals wie eine unwirkliche Botschaft aus fernen Welten geklungen haben muss, zumindest auf dem Festland. Die britischen Musikuhren tickten einfach anders. Strawinsky und Schönberg blieben auf der Insel lange Zeit fremde Größen.

Wer englische Musik spielt wie jetzt der fantastische junge Geiger Daniel Hope, der tut gut daran, so impulsiv und mitreißend über diese historischen Untiefen hinwegzumusizieren, dass der Hörer erst gar nicht auf die Idee kommt, sie auszuloten. Hope, 26 Jahre alt, Meisterschüler von Yehudi Menuhin und Zakhar Bron und bislang mit Schnittke, Takemitsu, Schostakowitsch oder Weill auf dem Plattenmarkt präsent, tut mehr: Er hält ein überzeugtes, unüberhörbar von großer Liebe erfülltes, gleichzeitig aber hochgradig reflektiertes Plädoyer für die Musik seiner Heimat. Mit differenzierter Tongebung und einer von innen heraus glühenden Expressivität erinnert Hope daran, dass zumindest der späte Elgar kein musikalischer Exponent des Empire war, sondern - immer wieder melancholisch getrübte - Blicke hinter die Fassade britischer Selbstzufriedenheit warf.

Für William Walton gilt das ohnehin. Völlig zu Recht hält Hope dessen Violinsonate für ein "Meisterwerk". Die Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach der blauen Blume der Romantik und der desillusionierten Einsicht in den Zynismus der modernen Welt ist dieser bittersüßen, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen und auch heute noch leicht verspätet wirkenden, Musik eingeschrieben. Strömende Melodik, vital pulsierende Rhythmik, das strikte Festhalten an der Tonalität, in dem eine Zwölftonpassage wie ein ironisches Augenzwinkern wirkt, unerbittliche Alla-marcia-Episoden - die Sonate ist ein Kaleidoskop, in dem die Splitter bei jedem Hören anders zusammenfallen. Hope und Simon Mulligan (Klavier) spielen sie so, dass sich die Grenze zwischen träumerischer Lyrik und drohendem Albtraum nie mit letzter Sicherheit ziehen lässt (Nimbus 5666/Naxos).