Was Rom dem Freund der klassischen Altertümer, der sich an die Albtraumsituation noch vor zehn Jahren erinnert, heute zu bieten hat, grenzt ans Wunderbare. Er sollte sich am besten gleich eine ganze Woche Zeit nehmen, um die wieder erstandenen und neu geschaffenen Museen, die vielen neuen Ausgrabungen, die archäologischen Parks und Rundgänge anzuschauen. Das Ganze ist eingebettet in ein sich immer mehr verdichtendes Netz jenes neuartigen Kulturbetriebes, der auf gehobene Unterhaltung ausgerichtet ist, keineswegs nur für Touristen, sondern mehr noch für die Römer selbst. Die Museen werben, die Zeitungen berichten, auch private Gruppen bieten Führungen an, an den Kiosken werden archäologisch-historische Zeitschriften gekauft. Es ist ein ganz neuer Wirtschaftszweig entstanden mit privaten Ausgrabungs- und Restauratorengruppen, Architekturbüros, Firmen, die die Vermarktung von Museen en bloc anbieten, und Verlagen, die speziell für diesen Bedarf arbeiten. Wie sich hier die unterschiedlichsten Interessen verbünden und gegenseitig beflügeln, wäre ein eigenes Thema.

Erstaunlich, mit welchem Interesse gerade die archäologischen Spaziergänge von den Bürgern angenommen werden, nicht nur auf der am Sonntag gesperrten und von Tausenden von Fußgängern bevölkerten via dei Fori Imperiali, wo man in die neuen Ausgrabungen der Kaiserfora schauen kann. Auf der (ebenfalls gesperrten) Via Appia sind jetzt gleich mehrere Komplexe zu besichtigen: Der Circus des Maxentius mit dem Grab seines Sohnes Romulus, das Monument der Cecilia Metella, das Castrum Caetani und dazu seit ein paar Monaten nun auch noch die vorzüglich restaurierte und erschlossene Villa der Quintilii mit einem kleinen Museum mitten in einer Landschaft, die nostalgisch an die Campagna von einst erinnert. Auf dem Weg hinaus kann man bei der Porta San Sebastiano zudem einen Spaziergang auf der Aurelianischen Mauer einlegen und das dazugehörige kleine Mauermuseum besichtigen.

Spektakulärer bietet sich mit viel Reklame die Domus Aurea an (nur ein kleiner Teil ist bisher restauriert und geöffnet). Die komplizierten topografischen Zusammenhänge bleiben dem Laien hier allerdings aus Mangel an Erklärung und Modellen unklar, und die ausgestellten Statuen stammen aus ganz anderen Zusammenhängen. Man hatte offenbar ein Massenpublikum im Auge, das staunen, nicht fragen soll. Auch die Erschließung der großen altbekannten Ruinen auf dem Forum lässt noch viel zu wünschen übrig. Die Touristen freuen sich, dass sie keinen Eintritt zu zahlen brauchen, werden dafür aber auch durch Zäune auf Distanz gehalten. Ich fände Eintritt und überlegte Didaktik besser.

Positiveres ist vom Kolosseum zu berichten. Der Sopraintendent hat hier dem Druck, die Arena wieder für Spiele herzurichten, glücklicherweise nicht nachgegeben, sondern vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom eine eingehende wissenschaftliche Studie der internen Struktur der Arena erbeten (die prächtige Resultate über die einstigen Bühnenmechanismen erbracht hat) und dann aufgrund der Resultate eine Teilrekonstruktion erlaubt, die nichts zerstört, bescheidene Theateraufführungen ermöglicht und zudem die Vorstellung von d er einstigen Funktion des Baus stimuliert.

Politiker haben die Kultur als Feld der Bewährung entdeckt

Von den Monumenten zu den neuen Museen, die meist bis zum Abend, am Wochenende sogar bis 23 Uhr geöffnet sind: Hier gibt es wunderbare Orte der Stille, die vom Massentourismus unberührt bleiben. Zwei besonders gelungene und auch innovative Beispiele seien herausgegriffen. Im Palazzo Altemps gleich hinter der Piazza Navona kann man die berühmten Antiken der Sammlung Ludovisi bewundern, die früher eng und gedrängt im kleinen Chiostro des alten Thermenmuseums standen und seit 30 Jahren nicht mehr zu sehen waren. Der Gedanke war eine historische Sammlung in einem historischen Palast zu zeigen, und zwar mit allen zeitgenössischen Ergänzungen: Antikenrezeption als wesentlicher Teil des Genusses. Die antiken Skulpturen stehen hier in Konkurrenz zu den Räumen mit ihren Fresken und prächtigen Renaissancedecken.

Man hat sich von einer kunstgeschichtlichen Ordnung bewusst frei gemacht, das einzelne Werk soll den Besucher "direkt" ansprechen, ästhetischer Genuss ohne Belehrung also.