In einer Phase schwächerer Konjunktur wäre eine generelle Lohn-Nullrunde kontraproduktiv, zumal allgemein die Produktivität steigt. Die Forderung von Georg Braun, dem neuen Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), ist genauso ein Säbelrasseln wie die entgegengesetzten Reaktionen der IG Metall. Dabei wissen sie alle, dass in diesem Jahr - mit den zwei Ausnahmen des Einzelhandels und des Bank- und Versicherungsgewerbes - keine gewichtigen Tarifverhandlungen anstehen. Die großen Brocken wie beispielsweise Metallindustrie, Elektroindustrie, Chemie, Baugewerbe, Groß- und Außenhandel oder Druckindustrie kommen erst im Jahre 2002 an die Reihe.

Keiner kann heute den Konjunkturverlauf des Jahres 2002 vorhersehen

es ist denkbar, dass dann moderate Tarifrunden genauso angebracht sind wie gegenwärtig.

Braun hat seinen Vorstoß für "Einfrieren der Lohnkosten auf absehbare Zeit" mit den Interessen der Arbeitslosen begründet. Ein entscheidender Anteil unserer hohen Arbeitslosigkeit ist keineswegs konjunkturell bedingt. Zwar ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen beiden Jahren konjunkturbedingt etwas zurückgegangen, jedoch ist der strukturell verfestigte Kern kaum angekratzt, zumal im Osten nicht. Wir brauchen zusätzliche Arbeitsplätze und zusätzliche mittelständische Unternehmen - besonders im Osten! Daher ist Deregulierung notwendig. Der DIHT sollte im eigenen Bereich damit anfangen. Wieso muss jeder, der einen Gewerbebetrieb gründet, Zwangsmitglied der Industrie- und Handelskammer (oder der Innung und der Handwerkskammer) werden?

Der DIHT beansprucht, das Gesamtinteresse der Wirtschaft zu vertreten. Wieso kritisiert er dann nicht die Institution des flächendeckenden Tarifvertrages, nicht die monopolistische Macht von Funktionären der sich jeweils gegenüberstehenden Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften? Wieso plädiert er nicht wenigstens für Öffnungsklauseln? Wieso setzt er sich nicht dafür ein, dass künftig Geschäftsleitung und Betriebsrat eines Unternehmens Löhne und Arbeitszeiten durch Betriebsvereinbarungen regeln dürfen?

In einem Punkte allerdings hat Braun Recht: Sein Plädoyer für die Teilhabe der Arbeitnehmer am finanziellen Erfolg ihres Unternehmens liegt im Sinne des Leitwortes von der sozialen Marktwirtschaft.