Zu Ostern füllen sich die Kirchen auf wundersame Weise wie von selbst.

Ganz eng rückt die ansonsten verstreute Gemeinde in den Bankreihen zusammen.

Aber nicht, weil von der Kanzel die Auferstehungsbotschaft verkündet wird, sondern weil große Musik auf dem Programm steht - die Matthäus- und die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Die Konzertkalender in den Städten sind voll von Bach-Aufführungen, vom Luxusoratorium mit Starsängern bis zur bescheidenen Laiendarbietung. Der CD-Verkauf floriert. Bachs Musik ergreift auch jene, die vom Evangelium kaum noch etwas wissen wollen. Die fortschreitende Säkularisierung kann dem Erfolg seiner geistlichen Werke kaum etwas anhaben. Nichts zu spüren von den Erosionserscheinungen im Bildungsbürgertum, die den Theatern und Orchestern immer mehr zu schaffen machen. Unerschütterbar sind die vorösterlichen Konzertrituale, wobei die Atmosphäre so gar nichts von saurer Abonnentenpflicht hat. Feierlich und hochgestimmt wirkt das Publikum. Einmal im Jahr brauchen wir das - c-Moll, doppelchörig gesetzt, im getragenen Sarabandenton: "Wir setzen uns mit Tränen nieder ..." Aber warum eigentlich?

Wir glauben an den heiligen Johann Sebastian

Der Kölner Komponist Maurizio Kagel hat die Bach-Begeisterung, die seit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion im 19. Jahrhundert durch Felix Mendelssohn Bartholdy nicht mehr abgeebbt ist, auf seine Weise kommentiert: Er hat schon vor 15 Jahren eine Sankt-Bach-Passion geschrieben, ein ganz ernstes und doch subversives Huldigungsoratorium auf den, der eigentlich immerzu verehrt wird - der heilige Johann Sebastian. Gemäß dem Motto: Nicht jeder glaubt an Gott, aber alle glauben an Bach.

Die repräsentativen Passions-Vertonungen des "fünften Evangelisten" (Albert Schweitzer) sind zu kunstreligiösen Ersatzgottesdiensten geworden, in denen sich die Anteilnahme von den Glaubensinhalten auf die schöne Musik verschoben hat. Oder sucht auch der moderne Matthäus-Passion-Hörer noch eine religiöse Erfahrung im musikalischen Nachvollzug von Jesu Leiden und will (wenigstens einmal im Jahr) mit lutherischer Bach-Wucht Gottes großen Strafhammer drohend über sich spüren: "Buß und Reu knirscht das Sündenherz entzwei"?

Das Schöne an Bach ist die Großzügigkeit seiner vereinnahmenden Kraft. Jeder kann ihn hören, wie er will, alle scheint er anzusprechen, unabhängig von Konfession und Nationalität. Der eine vernimmt pietistische Strenge, der andere (mittel)deutsche Innerlichkeit, der Dritte verspürt "das Humane an sich". Vielleicht wird seine Matthäus-Passion inzwischen auch konsumiert wie die monumentalen Bibel-Verfilmungen - als ein prächtiger Historienschinken.