Es ist kurios, aber manchmal muss erst ein Heizkörper platzen, damit ein Wunderwerk der Kunstgeschichte wieder ans Licht kommt. So geschehen im Berliner Pergamonmuseum: Nach einem solchen Unglück dümpelten dort im überschwemmten Keller zahlreiche Kisten umher, die für Jahrzehnte eingelagert gewesen waren, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, die undatierten und unbeschrifteten Kartons näher zu untersuchen.

Von ihrem Inhalt wusste keiner der am Haus tätigen Wissenschaftler, und es vermisste auch niemand irgendetwas. Denn das Standardwerk über Deutsche Möbel von Heinrich Kreisel hatte den Schatz längst als "Kriegsverlust" abgeschrieben. Was aber dann Stück für Stück aus den durchnässten und in das damalige Ost-Berliner Kunstgewerbemuseum verbrachten Kartons auftauchte, ist eine Rarität sondergleichen: ein vier mal vier Meter großes Spiegelkabinett, angefertigt zwischen 1712 und 1715. Dafür hatte Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg vor fast 300 Jahren ein Vermögen ausgegeben. Direkt neben seinem Schlafzimmer eingebaut, diente es ihm zur puren Ergötzung.

So ein aufwändig geschnitztes, vergoldetes, mit eingelassenen Spiegeln versehenes Prunkzimmer gehörte damals zum Luxuriösesten, was sich ein Hof leisten konnte. Und es war "auch ein bisschen was zum Angeben", wie Nina Erhardt sagt, die gemeinsam mit ihren Kollegen Martin Marquardt und Michael Uttenrodt auf eine öffentliche Ausschreibung hin den Zuschlag für die Wiederherrichtung des fünf Meter hohen Kabinetts bekommen hat.

In ihrer schwäbischen Werkstatt in Freiberg sondieren und konservieren sie nun selbst das kleinste Detail, das die Kisten noch hergeben. Demnächst soll das Merseburger Spiegelkabinett auf Schloss Köpenick wieder zu sehen sein.

Als Dépendance des Kunstgewerbemuseums Berlin wird dort im kommenden Jahr ein Zentrum für Raumkunst mit weiteren kostbaren Raumausstattungen aus dem 16.

bis 18. Jahrhundert entstehen.

Bei aller Freude über den Fund - die Schäden am Merseburger Spiegelkabinett sind beträchtlich. "Sie sollen auch nicht geleugnet werden", sagt Nina Erhardt und wertet das als einen neuen Schritt in der Restaurierungspraxis und -politik. Der zukünftige Besucher soll zwar einen Eindruck von der ehemaligen Pracht des Raumkunstwerks gewinnen - viele der harschen Spuren der Geschichte sollen aber sichtbar bleiben.