Ein einsamer Prediger ruft seit Tagen: "Oh Niederland, kehr' um auf Deinen heillosen Wegen", und kaum einer hört zu. Ein kleines Grüpplein von reformierten Christen, einem Rabbiner und "einzelnen Studenten" plant in der Karwoche einen stillen Marsch als Zeichen von Sorge und Protest und hofft nur mehr auf Gottes Hilfe. Aber das Thema ist schon kein Thema mehr.

Euthanasie - aktiv oder passiv - gilt in den Niederlanden als "normales medizinisches Handeln". Rund 90 Prozent der Bürger sind einverstanden mit dem Euthanasiegesetz, das in dieser Woche mit der Abstimmung in der ersten Kammer seine letzte parlamentarische Hürde nimmt. Im November vergangenen Jahres hatte bereits das Parlament mit einer Zweidrittelmehrheit entschieden: Holland soll das erste Land sein, in dem Euthanasie erlaubt ist.

Die linksliberale Ministerin für Volksgesundheit, Els Borst, selbst engagiertes Mitglied der größten Sterbehilfeorganisation des Landes, versteht die gesetzliche Regelung des "schönen Todes" nach dreißig Jahren Diskussion als krönenden Abschluss ihrer Mühe. Soziologen in Utrecht und Philosophen in Nijmwegen organisieren Kongresse mit eingängigen Slogans wie "Totgehen ohne Leiden" oder "Ein neuer Tod in einer neuen Zeit". Ganz ohne Ironie und Fragezeichen sehen sie Sterbehilfe als Fortschritt.

"Selbstbestimmt" soll der neue Tod sein, "machbar" und "schmerzfrei", betonen Ärzte und Ethiker. Zwischen 3000 und 4000 Holländer gehen diesen letzten Weg jedes Jahr. Genaue Zahlen liegen bislang nur für 1995 vor. Eine Untersuchung der Erasmus-Universität zählte damals 3200 Fälle aktiver Sterbehilfe, das sind 2,4 Prozent der jährlichen Todesstatistik. 400-mal wurde Beihilfe zum Suizid geleistet

durch Intensivierung von Schmerzbehandlung wurde zudem in 40 000 Fällen in mehr oder weniger ausdrücklicher Absicht "das Lebensende beschleunigt". Die Warteliste, so viel ist sicher, wächst. 34 500 Holländer haben bereits vorsorglich einen Antrag auf Euthanasie gestellt. Wie das in der Praxis aussieht, haben die Wissenschaftlerinnen Corrie Koppedraijer und Anne-Mei The in zwei Büchern nachgezeichnet.

Jacqueline, 35 Jahre alt, Muttter einer elfjährigen Tocher, glücklich verheiratet, an Multipler Sklerose erkrankt, entschied Mitte der neunziger Jahre: "Wenn meine Zukunft Pflegeheim heißt, will ich nicht mehr leben." Sie bat den Hausarzt um Hilfe beim selbstbestimmten Tod und starb zu den Klängen von Frank Sinatras "I did it my way". Kommentar ihres katholisch erzogenen Ehemanns: "Sie wusste, dass sie nicht mehr gesund werden konnte, dass ihr Zustand sich nur weiter verschlechtern würde

und so hat Gott das Leben doch nicht gemeint. Gott hat den Menschen geschaffen, um das Leben in vollen Zügen zu genießen."