Wir wissen alle, dass es für wissenschaftliche Experimente methodische Regeln gibt. Seit den Zeiten Bacons und Descartes' gibt es kaum einen berühmten Wissenschaftler, der nicht einen Satz von Regeln niedergelegt hätte, die den Geist anleiten oder, wie heutzutage, die Kreativität des eigenen Labors steigern sollten, die eigene wissenschaftliche Disziplin organisieren oder eine neue Wissenschaftspolitik befördern.

Doch heute sind wir alle in eine Reihe kollektiver Experimente einbezogen, die die engen Grenzen der Laboratorien überschreiten. Was bedeutet das für die alte Definition von Rationalität und rationalem Verhalten? Und was bedeutet es für eine spezifisch europäische Konzeption von Demokratie? Dass wir in kollektive Experimente verstrickt sind, muss nicht erst lange bewiesen werden. Ein Blick in die Zeitung oder die Fernsehnachrichten genügt. Zurzeit sind Tausende von Beamten, Polizisten, Veterinären, Bauern, Zollbeamten, Feuerwehrleuten in ganz Europa dabei, die Maul- und Klauenseuche zu bekämpfen, die in so vielen Landstrichen wütet.

Daran ist zwar nichts Neues, das öffentliche Gesundheitswesen wurde vor zwei Jahrhunderten ja erfunden, um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu bekämpfen, sei es durch Quarantäne oder später durch Desinfektion und Impfung. Neu und verstörend ist jedoch, dass die gegenwärtige Epidemie gerade auf die kollektive Entscheidung zurückgeht, nicht zu impfen.

In dieser Krise sind wir nicht wie unsere Vorgänger mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert, die wir mit den Waffen bekämpfen können, die von Robert Koch, Louis Pasteur oder ihren Nachfolgern entwickelt wurden: Wir finden uns vielmehr hineingezogen in die unerwünschten - wenn auch vorhersehbaren - Folgen eines Experiments im gesamteuropäischen Maßstab, wie lange nämlich ein nichtgeimpfter Viehbestand ohne einen neuerlichen Ausbruch dieser Krankheit überleben kann. Ein schöner Beleg für das, was Ulrich Beck "selbst erzeugte Risiken" nennt.

Damit will ich nicht sagen, dass wir das Vieh natürlich hätten impfen müssen.

Ich behaupte auch nicht, der Skandal läge darin, dass ökonomische Interessen über das öffentliche Wohlergehen gesiegt hätten. Es gibt gute Gründe, nicht zu impfen. Mir geht es darum, dass gegenwärtig ein kollektives Experiment durchgeführt wird, in das Bauern, Verbraucher, Kühe, Schafe, Schweine, Tierärzte und Virologen verstrickt sind. Ist dies ein gut oder ein schlecht angelegtes Experiment?

Wenn in früherer Zeit ein Wissenschaftler oder Philosoph daranging, methodische Regeln niederzulegen, so hatte er dabei das Laboratorium im Sinn, wo eine kleine Gruppe spezialisierter Experten Phänomene erzeugte, die sie nach Belieben durch Simulationen und Modelle wiederholen konnte. Erst sehr viel später präsentierten die Experten ihre Ergebnisse, welche erst dann, in natürlichen Maßstab gebracht, verbreitet werden konnten. Wir erkennen hier die "Sicker-Theorie" wieder, die angibt, wie Wissenschaft Einfluss ausübt: Ausgehend von einem örtlich begrenzten Zentrum rationaler Aufklärung, taucht Erkenntnis auf und verbreitet sich dann langsam in die Gesellschaft hinein.