Rom

Wie soll man sich einen Kardinal vorstellen - und dazu seinen römischen Biotop? Die Büroetage in der Via d'Erbe, nahe beim Petersplatz, vermittelt das Air einer Behörde, nicht den Glanz eines Kardinalssitzes. Der Gast wird in ein karges Zimmer geführt - Gelsenkirchener Barock minus Barock. Nun gut, es ist halt nur das Wartezimmer ... Erst als der Kardinal eintritt und keinerlei Anstalten macht, den Raum wieder zu verlassen, versteht der Eindringling: Das ist der Empfangs- und Besprechungssalon, und der Stuhl, auf den er sich aus Verlegenheit gesetzt hat, ist der des Kardinals. Pardon!

Walter Kasper gibt sich ebenso wenig als Kirchenfürst. An diesem Samstagmittag scheint er der Letzte auf dem ganzen Flur zu sein, im schlichten schwarzen Habit, ohne jedes purpurne Anzeichen der kürzlich erlangten Würde. Das an der Kette hängende Amtskreuz, wohl eher das silberne Werktagsexemplar, steckt in der Brusttasche des schwarzen Vorhemds. Offenbar hatte Kasper gerade noch am Schreibtisch gebrütet, und da gerät einem das Kreuz leicht zwischen die Akten oder auf das Keyboard. Seine Texte tippt der vormalige Professor lieber selber: "Ich kann keine Predigt vorlesen, die ein anderer für mich gemacht hat. Da würde ich ja irgendwie neben mir selber stehen." Am späteren Abend will er einen Gottesdienst halten in Santa Maria in Trastevere

in der berühmten Kirche des vormals proletarischen Stadtviertels trifft sich an jedem Abend die für ihr soziales und friedensstiftendes Engagement auch von Kasper sehr geschätzte Laiengemeinschaft Sant'Egidio.

Da ist sich einer lange treu geblieben - nicht nur in seinem Habitus, sondern auch in seinem Handwerk: vom Vikar über den Repetenten, vom Assistenten über den Professor (seit 1964), vom Bischof (1989) bis zum Kardinal - und jetzt zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

Walter Kasper hat nie mit steilen Thesen geprunkt, aber er gebietet über einen höchst soliden Respekt. So sagt ein mit allen politischen Wassern gewaschener Wissenschaftler, ein treuer und kritischer Sohn seiner Kirche, von ihm mit all der Sympathie, die ein Badener für einen Württemberger aufbringen kann: "Ein schwäbischer Tüftler, aber ungeheuer verlässlich!"

Eberhard Jüngel, die protestantische Eminenz nicht nur von Tübingen, der mit Kasper schon seinen scharfen Strauß ausgefochten hat, rühmte Kasper jüngst bei der Bestellung des frisch ausgerufenen Kardinals zum Tübinger Honorarprofessor mit der Erwartung, "dass er bei aller Wissenschaftlichkeit und Zeitoffenheit ein kirchlicher Theologe, aber eben auch bei aller Kirchlichkeit ein wissenschaftlicher und zeitoffener Theologe" zu sein und zu bleiben gedenkt. Undenkbar, dass dieser Bischof in Rom oder anderswo in der weiten Welt das Ende der historisch-kritischen Methode proklamieren könnte!