Es ist Freitag in Duisburg-Rheinhausen, und in Duisburg-Rheinhausen ist Freitag ein fürchterlicher Tag für jemanden, der Arbeit zu vergeben hat.

Freitag ist sogar noch ein bisschen schlimmer als Montag, obwohl Montag schon unerfreulich ist. Montag gilt manchem, der Arbeit aufzunehmen hat, als Ausklang des Wochenendes, Freitag als dessen Auftakt. Den verdirbt sich niemand gern. Wenn erst im Juni die Freibäder öffnen und die Baggerseen sich erwärmen, ist Freitag ein gänzlich hoffnungsloser Tag in Karl Joeres' Woche.

"Dann kommt manchmal keiner." Karl Joeres tritt ans Fenster und schaut hinaus auf die Pfützen in der Straßendecke. "Glaub schon", sagt der Arbeitsvermittler, "dass heute noch einer kommt."

Der kleine Zeiger der Wanduhr springt auf neun, und Joeres setzt sich an den Glastisch. Zwölf Hängeordner hat er darauf geschichtet, zwölf aus dem Aktenschrank mit 2000 Hängeordnern. Zwölf arbeitslosen Menschen aus Duisburg-Rheinhausen hat er Briefe geschrieben und sie geladen in sein Büro, weil er ihnen Jobs anbieten will. Termine hat er gesetzt, 8 Uhr, 8.30 Uhr, 9 Uhr und so weiter. Abgesagt hat niemand.

Als die Glocke im Kirchturm vertraut anschlägt, ist es 9.30 Uhr. Vier von zwölf sollten bisher erschienen sein, vier von zwölf sind nicht erschienen.

Hat er sich missverständlich ausgedrückt? "Verpflichtend", stand in den Schreiben. Da öffnet sich die Tür, und aus dem Vorzimmer singt eine Stimme: "Soll ich noch ein paar Käsebrötchen holen?" - "Ja, bitte", murmelt Joeres.

Zehn Uhr, auch der fünfte Hängeordner wird heute nicht mehr gebraucht. Als die Tür eine halbe Stunde später aufgeht, hat Joeres die Brötchenkrümel von seinem dunkelgrauen Anzug gestrichen.