Sanft fließt der Reggae-Groove, melodisch akzentuieren die Bläser, Menschen tanzen auf der Straße: Es ist Karneval in Köln. Doch die Jecken sind nur Staffage, bewegter Hintergrund für einen Auftritt ganz anderer Art. In voller Kampfmontur und Palästinensertuch schiebt der junge Mann sich durch die taumelnde Menge, das Plastikmaschinengewehr im Anschlag. Mit ausdrucksloser Mine näselt er: "Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt!"

Ein ernster Narr unter lauter Lustigen - die Pose, die Jan Delay für das Video zu seiner gleichnamigen Single gewählt hat, ist ebenso plakativ wie sarkastisch in eigener Sache. Kein waschechter Politguerillero nämlich hat sich hier auf die Kanäle von Viva und MTV geschlichen, sondern ein vom Erfolg Geschlagener. Mit seiner HipHop-Gruppe, den Absoluten Beginnern aus Hamburg, hat Jan Eißfeldt - so heißt der Vermummte mit bürgerlichem Namen - Liebeslieder gesungen und die Charts erklommen, längst sind seine Stücke kleine Klassiker, die auf Schulhöfen und in Partykellern nachgesungen werden.

Weil zu viel Zustimmung aber an der Glaubwürdigkeit eines echten HipHoppers nagt, musste Eißfeldt die Plattenfirma wechseln - und sich als Jan Delay neu erfinden.

Delay, zu Deutsch "Verzögerung", steht neben den typischen Echo-Effekten des Reggae für einen Kurswandel: Abbremsen statt beschleunigen. Nicht bei Top Of The Pops vortanzen. Nicht mit Stefan Raab lachen. Lieber Spielverderber sein statt Spiele spielen. Searching For The Jan Soul Rebels, das Debut des Delay, ist inszeniert als Zäsur, nicht nur in der Biografie des 25-Jährigen, auch im deutschsprachigen Pop nach 89. Die Pointe dabei: Jan Delay kommt als Geschöpf der Siebziger daher, als Hippie und Revoluzzer. Vom Reggae nimmt er den warmen melodischen Rhythmus, vom Punk den rebellischen Gestus, von der Alternativbewegung die menschelnde Moral, vom HipHop die Sprache. Das Ergebnis ist eine irritierende Mixtur aus textlicher Provokation und musikalischer Versöhnung, alter Utopie und aktueller Medienkritik.

"Ihr mit dem Sonnenbank-Funk, Kaufhaus-Punk und Talkshow-Soul könnt mich mal.

Ich will mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluss vom Axel Springer Verlag entstanden" - Zeilen wie diese beleben den alten Gestus radikaler Feindschaft wieder. Ausgerechnet in Zeiten, in denen der lange Marsch der 68er wirklich und endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und die Debatte um das Schicksal der Protestgeneration mit schwurformelartigen, nicht selten gespenstischen Bekenntnissen zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung einhergeht, kehren die alten Ideen wieder: Springer-Blockade, Ekel vor Warenfrömmigkeit, Notwendigkeit von Organisation und Widerstand ("Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt") - als hätte Jan Delay die lan gjährige, öffentlich geführte Wehklage der Elterngeneration über ihre unpolitischen Kinder erhört.

Gegen das allübergreifende Schulterklopfen bringt dieser Gewinnler der MTV-Generation, der längst mehr als seine fünf Minuten Ruhm hatte, uralte Eindeutigkeiten in Anschlag. Eißfeldt macht kein Diskussionsangebot, er hat sich nicht in Camouflage gekleidet, um Lichterketten und Sitzstreiks zu propagieren: "Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin / folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin / die, die Hunger und Armut und Krankheit verwalten, für sie herrschen sorglose Zeiten / da kein bisschen Sprengstoff sie daran hindert / ihre Geschäfte zu betreiben", heißt es in Söhne Stammheims. Dass die RAF-Protagonisten dabei in direkter Nachbarschaft zu den Stars aus dem Big Brother-Zirkus stehen, signalisiert: Beides ist Pop, stammt trotz Buntheit aus einer schwarzweißen Welt.