So drängend ist der Wunsch nach eigenem Nachwuchs, dass unfruchtbare Frauen sich Hormone spritzen lassen, die ihnen den Leib auftreiben. Dann reifen viele Eier heran, damit die künstliche Befruchtung (IvF) gelingt. Seit 1992 dürfen auch unfähige Männer hoffen: Direkt in die Eizelle injiziert der Arzt ihre schlappen Spermien. Das nennt man Icsi, intracytoplasmatische Spermieninjektion - eine Zauberformel gegen Unfruchtbarkeit. Die Saat ging auf. Pro Jahr werden in Deutschland inzwischen mehr als 20 000 Kinder auf diese Weise im Labor gezeugt.

Doch Icsi hat womöglich einen Haken: War der Vater unfruchtbar, trägt das Spritzenspermium vielleicht auch die Anlage zur Unfruchtbarkeit in sich. Das wird man erst wissen, wenn die Icsi-Kinder ins fortpflanzungsfähige Alter kommen. Noch ist auch nicht entschieden, ob durchs mechanische Bohren im Ei weitere Missbildungen folgen. Der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen empfand das Risiko als gravierend und verfügte 1997, die Kosten dürften nicht von den Kassen getragen werden. Deshalb verzichten jährlich 10 000 Paare auf medizinische Nachhilfe.

Nun sind die Bedenken höheren Orts plötzlich verflogen. Vergangene Woche entschied das Bundessozialgericht (BSG), die gesetzlichen Krankenkassen müssten Icsi in ihren Leistungskatalog aufnehmen. Ob die Eltern ein missgebildetes Kind zeugen, müsse diesen überlassen bleiben. Die Bewertung der Methode dürfe sich nur an der medizinischen Wirksamkeit orientieren.

Wirksam ist Icsi - Erfolgsquote bis zu 60 Prozent bei vier Behandlungszyklen.

Der individuelle Kinderwunsch geht also offenbar über alles.

Gesellschaftliche Überlegungen sind nebensächlich. Jetzt werden zukünftige Väter geboren, die möglicherweise das Problem ihrer Erzeuger geerbt haben und nur in Symbiose mit ihren Fortpflanzungsmedizinern Väter werden. Das Perpetuum mobile der Reproduktionsmedizin wäre perfekt. Kostenvoranschlag: 180 Millionen Mark im Jahr - zuzüglich des menschlichen Zinseszinses einer wachsenden Zahl steriler Väter.

Vor der künstlichen Befruchtung aber sind offenbar nicht alle gleich. Dies zeigt ein höchstrichterliches Urteil aus derselben Woche. Einen Tag vor dem BSG-Urteil verkündete das Bundesverwaltungsgericht (BVG), dass Soldatinnen und Beamtinnen keinen Anspruch auf Kostenerstattung durch den Staat haben.