St. Petersburg/Moskau

Die Fassade ist imperial, fast etwas üppig für ein Treffen von Bürgern, selbst wenn man ihre hohen Ämter bedenkt. Marmorsäulen, die zwei Männer kaum umfassen können, schwere Kristalllüster im Festsaal der Petersburger Universität. Hier also läuten Gerhard Schröder und Wladimir Putin den "Petersburger Dialog" ein: Die Konferenz im Marmorsaal soll ein "Forum für die Zivilgesellschaften beider Länder" sein, sagen der deutsche Kanzler und der russische Präsident. "Zivilgesellschaft" - wer ist das? Beim Einzug der Bürger in den Saal fallen bekannte Gesichter auf: Minister, Politiker, Wirtschaftskapitäne, Universitätsrektoren, Chefredakteure. Eine zivile, aber handverlesene Gesellschaft.

Die andere, größere Bürgerversammlung ereignet sich in Moskau, am Wochenende vor Schröders Besuch. Es regnet, Tausende von Menschen waten durch den Matsch der Schneeschmelze zum Moskauer Fernsehturm. Dort findet sich die Zivilgesellschaft vor dem umlagerten Fernsehsender NTW ein. Vom Regen durchnässt und von der Miliz auf einem Parkplatz zusammengezwungen - der Innenminister lässt ein paar Sonntagsfahrern auf den Straßen Vorrang vor der Masse von Demonstranten. Sie stehen vor dem Eingang des Senders, mit Regenschirmen gepanzert gegen alles, was von oben kommt. Oben ist "der Staat". Unten stehen seine "ungehorsamen Bürger".

Vorn auf der Bühne krächzen Journalisten mit heiseren Stimmen ins Mikrofon.

Die letzten Tage von NTW. Die Medienabteilung des Staatskonzerns Gasprom hat das Kommando bei dem größten Privatsender Russlands übernommen. Aber noch hat niemand der neuen Herren ein Büro bezogen. Aus der Toilette im 8. Stock des Gebäudes weht die Flagge mit dem Logo des widerspenstigen Senders. Jewgenij Kisseljow, der entthronte Generaldirektor und Chefredakteur, schreitet die Korridore ab. Wie ein Feldherr vor der Schlacht fragt er seine Mitarbeiter: "Wie ist die Stimmung?" - "Besser geht's nicht!", dröhnt es im Chor zurück.

"Na, dann ist ja gut!" Automatenhaft wendet sich Kisseljow ab und verschwindet in seinem Büro.

Die Stimmung ist schlecht. Gerade sind Kisseljow zwei seiner besten Redakteure von der Fahne gegangen und haben gekündigt. Der Rest gräbt sich in den verrauchten Büros ein wie in einer Festung vor dem Fall. "Sie wollen uns spalten!", ruft Kisseljows Stellvertreter, ein junger, nervöser Mann. Er stellt den Fernseher für die Nachrichten an: "Aber wir stehen durch bis zum Ende!" Wann das Ende kommt und was es eigentlich wäre, weiß er selbst nicht.