Manchmal kann das Opernleben richtig grausam sein. Monatelang wird probiert, korrepetiert, auf schmiedeeisernen Wendeltreppen und wackeligen Schiffsmasten balanciert - und dann, am Tag X, liegt die Darstellerin der Senta fiebrig auf dem Pfühl. Schwerste Bronchitis, keine Chance. So jüngst geschehen an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zur Eröffnung der vorösterlichen Festtage mit Richard Wagners Fliegendem Holländer. Was tun? Die Drähte liefen heiß. Keine Senta weit und breit, nicht in München, nicht in Meiningen, von London, Paris und Brüssel ganz zu schweigen. Schließlich erbarmte sich Elizabeth Connell und flog einmal um den halben Erdball, um sich gerade noch rechtzeitig zur Premiere auf ein Stühlchen neben der Proszeniumsloge fallen zu lassen und die Partie mehr oder weniger aus dem Klavierauszug zu singen - unter Daniel Barenboims meisterlich unscharfer, bräsig auftrumpfender Leitung, wohlgemerkt. Hut ab vor solcher Traute, und alle spitzen Höhen, alle Textunverständlichkeiten seien ihr für die nächsten zehn Jahre verziehen. Den szenischen Rest - Sentas Albträume einer tödlich verknöcherten Bürgergesellschaft - besorgten die stumm agierende Regieassistentin (sehr beherzt: Katharina Lang) sowie Falk Struckmann, der im Altrocker-Leder-Outfit einen raubauzig röhrenden, zu keiner wirklich belcantistischen Regung fähigen Holländer gab. Auch der rechtschaffen geschäftstüchtige Daland Robert Holls wusste zu erfreuen, zumal es ein Rollendebüt war. Und natürlich Jorma Silvastis Erik, seines traumschönen tenoralen Flehens wegen. Sehr viel mehr allerdings ist zum Abschluss von Harry Kupfers hauptstädtischem Wagner-Zyklus in Hans Schavernochs düster phallusbeladenen Bühnenbildern nicht zu sagen.

Bayreuth 1978 soll sehr ähnlich ausgesehen haben. Manchmal kann das Opernleben eben richtig grausam sein.