Pop ist der Schlüssel zur Gegenwart. Der Begriff Pop ist dehnbar, schillernd und allzuständig. Pop feiert das Flüchtige und das Neue, die Sensationen des Gewöhnlichen, den Markt und die Moden. Für viele ist Pop die neue Hochkultur unserer Epoche

alle Phänomene, alle Ereignisse folgen ihrem Muster, von der Harald-Schmidt-Show bis zum Aktienspektakel, von der Love Parade bis zur Müsliwerbung. Ob Autorennen oder Kirchentag, Guildo Horn und Guido Westerwelle: Pop ist alles, alles ist Pop. Doch inzwischen mehren sich die Stimmen, die gegen die flächendeckende Anwendung der Popästhetik protestieren. In der Literatur und dem Theater gibt es Gegenbewegungen. Sie richten sich nicht gegen die Phantasmagorien des Pop, sondern gegen deren Verabsolutierung. Wer Popliteratur verfertigt oder verlegt, hat den Beifall des Publikums heute nicht mehr besinnungslos auf seiner Seite

die Mitgliedschaft in einer popkulturellen Vereinigung gilt nicht mehr automatisch als Ausweis höherer Kunst. Auch auf den Theaterbühnen stößt die sanfte Herrschaft des Pop auf Ablehnung. Warum?

1. Die Krise der Popästhetik ist keine Erfindung ihrer Gegner. Sie ist auch kein Modephänomen, sondern stammt aus der künstlerischen Erfahrung, die man bei der flächendeckenden Anwendung der Popästhetik gemacht hat. Es ist die Erfahrung ihrer Grenzen: der künstlerischen, sprachlichen und politischen.

Pop ist nicht das Opfer eines konservativen Roll-backs, sondern hat ihn beschleunigt.

2. Die Grenze der Popkultur liegt im Anspruch auf grenzenlose Gültigkeit. Die Popkultur versteht sich als erste nachchristliche Universalkultur - als großes Finale, das die schweren Sinnzeichen der Kultur in leichte und ungefährliche verwandelt. Mit dieser Verwandlung sollen aller Widerstreit, alle Gewalt ein Ende finden

der ewige Frieden des Rave, die taghelle Nacht der globalen Party ist für sie das letzte Projekt nach dem Krieg aller Projekte. RAVE = AVE. Was noch nicht Pop ist, soll Pop werden