Bundeskanzler Schröder, immer noch hoch in der Wählergunst, steckt recht unvermutet in einer politischen Klemme. Bis vor wenigen Wochen schien sein nächster Wahlsieg reine Formsache: "Gerd im Glück." Aber nun - die Konjunktur strauchelt, auch das Frühjahrsgutachten der führenden Wirtschaftsinstitute widerspricht falschen Wachstumshoffnungen, die Risiken für den Bundeshaushalt mehren sich. Der Sparkurs, Glanzstück der rot-grünen Koalition, gerät in Gefahr. Damit droht Schröder das wichtigste Gütesiegel zu verlieren. Dass in Deutschland endlich ein Kanzler regiere, der mit Geld umzugehen weiß, war das Kernargument der Koalition in fast allen Parlamentsdebatten. Jetzt fehlt das Geld, und dem Kanzler bleibt nur noch das politisch unbeliebte Instrument der Haushaltssperre. Er wird es einsetzen müssen. Jeder Pfennig, den die Exekutive ausgibt, muss dann vom Finanzminister genehmigt werden.

Auch wenn Hans Eichel noch zögert, weil er die Steuerschätzung im Mai abwarten will, und Gerhard Schröder noch beherzt dementiert - die Haushaltssperre wird kommen. Je früher sie verhängt wird, desto besser: Der Finanzminister kann nur das Geld unter seine Kuratel stellen, das noch nicht ausgegeben wurde.

Bis zur Wahl dauert es noch anderthalb Jahre. Der wahlkampfentscheidende Bundesetat für 2002 wird bereits erarbeitet. Schröder muss jetzt die Weichen richtig stellen. Und das heißt, dass er seinen öffentlichen Politikstil und seine interne Regierungsarbeit verändern muss.

Schröder ist ein Machtpolitiker der guten Laune. Sie hat 18 Monate lang ansteckend gewirkt. Und es ist nur verständlich, dass der Regierungschef auch jetzt Optimismus verbreitet, während weltweit die Spekulationsblasen platzen und die Börsenkräche widerhallen. Aber es ist falsch, Haushaltsprobleme kleinzureden, wenn sie längst offenkundig sind. Mit dem geflügelten Wort Ludwig Erhards, dass Wirtschaftspolitik zur Hälfte Psychologie sei, lässt sich dies nicht mehr rechtfertigen. Auf die andere Hälfte kommt es an.

Die größte Gefahr, die jedem Bundeskanzler droht, ist sein politischer Ansehensverlust. Kanzleransehen vermittelt sich dem Wähler in der besonderen, professionellen Art von Krisenbewältigung. Die Bürger erwarten zu Recht, dass der Regierungschef nicht als Mediator, sondern als zupackender Chef seiner Minister glänzt, der die Konfliktrisse vorausahnt, seine Richtlinienkompetenz nicht verwaltet, sondern ausübt. Da reicht es nicht aus, beim unvermeidlichen Zwist im Kabinett die Streithähne so lange aufeinander einhacken zu lassen, bis einer am Boden liegt - wie im Falle Müller versus Riester. Solcherlei Management suggeriert Ratlosigkeit auf höchster Ebene.

Dass heute der getreue Kanzleramtschef Frank Steinmeier der mächtigste Mann der Regierung zu sein scheint, liegt weder an seiner Arbeitsplatzbeschreibung - noch in seiner Absicht. Es hat sich aber so ergeben. Doch für die Arbeit in der Regierungsmannschaft ist es inzwischen abträglich geworden, dass sich der "Chef besser im Hintergrund zu halten habe", wie es Finanzminister Hans Eichel nach dem gelungenen Steuerreform-Coup einmal flapsig formuliert hat.

Angesichts der Dringlichkeit der Entscheidungen muss sich der Kanzler früher einschalten: Nicht Außen-, sondern Innenwirkung, straffere Führung sind jetzt gefragt. Spätestens bei einer Haushaltssperre werden sie unvermeidlich.