Manche Dinge sind vom Ansehen schon so abgenutzt, dass man versuchen müsste, sie ganz neu wahrzunehmen. Heinrich von Kleist hat in seinem Lustspiel vom Zerbrochenen Krug das Gemäldegedicht parodiert: ein Genre, das etwas Sichtbares mit den Mitteln der Lyrik hörbar machen will. Die Romantiker allerdings entwickelten das einfach nur in Versen malende Gedicht mit der Absicht weiter, Bilder nicht nur dichterisch zu kopieren, sondern den tieferen Eindruck eines Werkes der Malerei durch ein ebenbürtiges Sprachkunstwerk neu zu erzeugen. Inspiration hieß hier das Zauberwort, das die Geheimtür zwischen den Kunstrichtungen öffnen sollte.

Auch bei Frank Stella soll Inspiration der Schlüssel sein zum Zusammenhang zwischen einer Serie von Assemblagen und Skulpturen sowie den Texten Kleists.

Die meisten der mehr als 90 bisher entstandenen Werke sind jetzt in Jena an zwei Ausstellungsorten zu sehen. Riesige vielfarbige Collagen auf Papier, voller nur mühsam gebändigter und oft den Bildrand sprengender Formen: Netze, Zickzacke, Trichter, Rauchringe, Gitter. Stellas Bildwelt steht niemals still, da schwebt es, weht es, schwingt und fließt, rotiert und explodiert.

Vor allem die in Augenhöhe aus den Wänden ragenden Skulpturen wirken wie komprimierte Kraft. Gepresstes, gebogenes, zerschnittenes Metall, mal rau, mal glatt, dann geriffelt, entfaltet sich zu überraschend schönen Gebilden.

Da bringt die Kunst den harten Kern der anorganischen Natur zum Schmelzen.

Man steht beglückt - bis der Blick auf den Titel der Skulptur, des Polyptychons oder eines der monochromen Modelle fällt.

Der zerbrochene Krug liest man unter einer temperamentvoll geschwungenen weißen Plastik. Die Marquise von O. ... heißt ein breites Panorama. An Wilhelmine von Zenge dagegen sind mehrere exotisch-bunte und wie extravagante Vögel sich spreizende kleinere Skulpturen betitelt. Hier würde Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote sich allerdings unbemerkt einreihen können, wäre er nur ein paar Kubikzentimeter weniger groß. "Bei den Kleist-Collagen sollte man die Korrespondenzen zwischen literarischem Bildtitel und dem Bild selbst interpretativ nicht allzu sehr belasten", erklärte der Kunstwissenschaftler Wolfram Hogrebe, sehr aufschlussreich ausweichend, auf jenem Symposium, das vom Kunsthistorischen Seminar der Jenenser Schiller-Universität zum Ausstellungsstart veranstaltet wurde. Frank Stella ist hier seit fünf Jahren Ehrendoktor, eine Skulpturenserie des 1936 in Massachusetts geborenen Amerikaners prägt den Campus am Zeiss-Turm. Dass zwischen Thüringen und der Kunstszene in New York oder Miami, wo Frank Stella seit etwa 40 Jahren immer wieder für Verunsicherung sorgt, Welten liegen, muss kein Manko sein. Doch statt kritisch-würdigender Kontroverse wurde mit einer hochkarätig besetzten Konferenz und zwei sorgsam edierten Katalogen eine niveauvolle Huldigung angestrebt. Die beeindruckt durchaus und verärgert dennoch, weil das Fragliche und Sperrige an Stellas Kleist-Projekt so elegant glatt gebügelt wird.