"By the time we got to Woodstock we were half a million strong", sang Joni Mitchell in ihrer Hymne auf den ruhmreichen Move von 1969. Zum Glück lag keine polizeiliche Genehmigung vor, es hätte so kommen können wie letzte Woche in Berlin: 15 Naturschützer drohen eine Million Raver an der termingerechten Ausübung der Love Parade zu hindern, weil sie den Veranstaltern bei der Anmeldung als Demonstration zuvorkamen. Time waits for no one. Jetzt hängt alles am Anliegen.

Am Anliegen nämlich kristallisiert sich der Dauerkonflikt um Gemeinnützigkeit, Politik und Popkultur. Die Berliner Senatsverwaltung hat der Bürgerinitiative "Rettet den Großen Tiergarten" ein solches zugestanden, weil sie nicht nur aus Eigeninteresse, sondern im Namen von Flora und Fauna demonstriert. Das tut sie zwar schon seit Jahren, doch erst jetzt wurde das angestaubte Ökoimage erfolgreich ab- und ein wenig Spaßguerilla zugelegt. Den Gegner durch kreative Auslegung des Versammlungsrechts in die Bredouille bringen - so muss moderne Protestkultur agieren! Von der Popkultur lernen heißt, siegen zu lernen.

Das Grundrecht auf Abfahrt, heißt es wiederum vonseiten der Paradenbetreiber, sei überterminlich und quasi politischer als das der Naturschützer, was natürlich gewaltig dröhnt. Nachteilig könnte sich auswirken, dass in der Menschheitsbeglückungsrhetorik - von Dr. Motte, dem Dalai Lama der ravenden Gesellschaft, ins Meisterliche emporgetrieben - einige kleinere Privatanliegen versteckt sind. Das Interesse zum Beispiel, den Müll kostenlos entsorgt zu bekommen, oder das Interesse, das eingetragene Warenzeichen Love Parade weiter exklusiv auszubeuten. Was schlimmer ist: Die Betreiber scheinen die Sprache des Fun selbst nicht mehr zu verstehen. In einem Spiel, das sie einmal souverän beherrschten, wirken sie heute wie die eigentlichen Bürokraten.

Falls es zu keiner außergerichtlichen Einigung kommt, muss man sich allerdings weniger um Dr. Motte und Co. sorgen als um die grauen Anzugmänner vom Senat. Auch sie haben ja ein Anliegen: die Vermehrung des Geldes in den leeren Stadtkassen. Bliebe es vor dem Verwaltungsgericht bei der Entscheidung zugunsten der 15 - was wahrscheinlich ist, denn Demorecht ist Minderheitenrecht -, wäre zwar wieder Ruhe in der Stadt, das geschäftsbelebende sexy Hauptstadtimage aber dahin. Diese widersprüchliche, ja recht eigentlich antagonistische Situation des Anliegens heißt in der Psychologie Double-Bind und soll schon zu schweren seelischen Störungen geführt haben.