Angesichts der deutlichen Unterschiede, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen von Männern und Frauen zeigen, stellt sich die Frage, ob sie das Ergebnis unterschiedlicher Erziehungsmuster sind oder ob man sie als Ausdruck genetischer Prägungen interpretiert. Der Streit über diese Frage bewegt die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten. Den aktuellen Stand der Debatte hat Ende 1998 der amerikanische Sozialwissenschaftler Francis Fukuyama in seiner brillant geschriebenen Studie Frauen und die Evolution in der Weltpolitik analysiert. Unter Berufung auf eine Reihe neuer Foschungsbefunde gelangt er zu der Einschätzung, dass der biologisch-genetische Erklärungsansatz sehr an Boden gewonnen hat. Die empirisch ebenfalls gut belegte Gegenthese, wonach das Verhalten von Männern und Frauen stark durch geschlechtsspezifische Erziehungs- und Rollenmuster geprägt ist, behält für ihn aber ebenfalls Gültigkeit - nur nicht mehr in der Ausschließlichkeit, mit der sie vielfach vertreten wird.

Damit bleibt die Frage politisch relevant, an welchem Punkt sich die Sozialisation und das Verhalten von Jungen verändern lässt. Ein Beispiel liefert die oben erwähnte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens. Die Jugendlichen wurden im Jahr 1998 gefragt, wie wohl ihre Eltern, Freunde und Bekannten reagieren würden, erführen sie, dass die Befragten auf dem Schulhof einen Mitschüler nach einem Streit zusammengeschlagen hätten. Die Mädchen prognostizierten fast durchweg heftigen Tadel ihrer Eltern und ganz überwiegend starke Ablehnung durch Gleichaltrige. Hingegen erwartete fast ein Viertel der Jungen Akzeptanz oder gar Lob vom Vater mehr als die Hälfte rechnete zudem mit einer positiven Reaktion der Mitschüler.

Und noch etwas ist durch die Schülerbefragung deutlich geworden: Selbst unter den heutigen Rahmenbedingungen der Koedukation und weitgehenden Chancengleichheit im Bildungswesen bleiben starke Verhaltensunterschiede. So wollten die Forscher wissen, welche Sportarten die Schüler am liebsten ausübten und was ihnen daran gefalle. Die meisten Jungen bevorzugten Sport, bei dem sie Mann gegen Mann kämpfen können (Fußball, Rugby, Handball), und haben vor allem Spaß daran, den Gegner zu besiegen. Diese Antwort geben zwar auch einige Mädchen, doch überwiegen stark jene, die Sportarten über das Netz und ohne direkten Kampf vorziehen (Volleyball oder Tanzen im Team), die schlicht den Gruppenspaß und das Austoben suchen.

Dies verdeutlicht, was Wissenschaftler immer wieder belegt haben. Die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstandenen Einstellungs- und Verhaltensunterschiede von Jungen und Mädchen werden sich auch bei fortschreitender Emanzipation der Frauen nur langsam ändern.

Was lässt sich daraus ableiten? Angesichts der ausgeprägten Risiken, die eine Kultur männlicher Dominanz mit sich bringt, erscheint eine konsequente Politik der Frauenemanzipation weltweit dringend geboten. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass vereinzelte Frauen in Führungspositionen wenig Chancen haben, die Gesellschaft durchgreifend zu verändern. Zu sehr stehen sie unter Druck, als Maggie-Thatcher-Typ beweisen zu müssen, dass sie den Männern an Härte und Durchsetzungskraft keineswegs unterlegen sind.

Auf der anderen Seite sind Männer gefragt, die den verunsicherten Jungen eine attraktive und glaubhafte Alternative zum Macho-Ideal vorleben können. Männer also, die sich ihrer Gefühle nicht schämen und auch das Weinen nicht unterdrücken, wenn ihnen danach zumute ist (wie Hans Eichel im Bundestag), Männer, die zuhören und, wenn sie im Unrecht sind, auch nachgeben können Männer, die locker und engagiert so genannte Frauenrollen ausüben, etwa als Lehrer in der Grundschule oder als Hausmann im "Babyjahr".

Feministinnen könnten aus diesen Thesen die Folgerung ableiten, dass wir angesichts der eingangs beschriebenen Gefahren sogar eine Dominanz der Frauen anstreben sollten. Dem widerspricht Fukuyama: Man müsse im Auge behalten, dass es auf unserem Erdball noch lange gefährliche Macho-Kulturen geben werde. Die westlichen Demokratien müssten sich gegen Angriffe notfalls auch mit kriegerischer Gewalt wehren können. Bei einer von Frauen beherrschten Politik sei dies nicht gewährleistet.