Auf dem Forum Romanum herrscht ein Gewimmel, als sei das Römische Reich nie untergegangen. Es sind die ersten warmen Apriltage, der junge Rasen wurde schon gemäht, und von manchen Ruinen fällt Flieder. Schulklassen sind unterwegs: Oben beim Ausgang der Via Sacra am Kapitol erläutert ein Lehrer zwölfjährigen Italienern die Granitquader, aus denen das römische Straßenpflaster besteht, und beschreibt die Technik der Fundamentierung eines solchen Verkehrsweges. Etwas weiter unten, am Triumphbogen des Septimius Severus, trotten junge Flamen vorbei, blonde Nachfahren der Barbarenvölker, gegen die Rom ein halbes Jahrtausend kämpfte und Grenzen errichtete. An der Senatskurie dann wieder Italiener: etwas älter, offenbar aus dem Süden. Die Lehrerin erklärt, was eine Kurie war und warum eine andere Kurie, die des Vatikans, die zwei Kilometer entfernt bis heute besteht, diesen Namen übernommen hat. Am Titusbogen stauen sich zwei deutsche Klassen, die eine kommt vom Colosseum, die andere vom Palatin.

Man begreift mit einem Mal wieder, was dieser Ort für Europa bedeutet. Hier ist eine gemeinsame, anschaubare und anfassbare Grundlage unserer Geschichte, und wenn jede europäische Schulklasse einmal nach Rom führe, wäre für die Einigung des Kontinents vielleicht mehr erreicht als durch manche komplizierte Gesetzgebung. Denn die Anschlussstellen liegen auf beiden Seiten des Forums: Im Norden unter dem Kapitolshügel ist jener Kerker, in dem Petrus und Paulus gefangen gewesen sein sollen, die eine kleine orientalische Religion ins Zentrum des Weltreichs brachten, von wo aus sie dann die Welt eroberte: das Christentum. Im Süden bezeugt der Titusbogen die Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer, ein Ereignis, an dessen Folgen sich die internationale Politik bis heute die Zähne ausbeißt. Hier laufen die Wege zusammen, von hier aus gehen sie in die Zukunft.

Das Forum Romanum beschert seinem Besucher aber vor allem einen körperlichen Eindruck: Man steigt vom heutigen, durch die Ablagerungen zweier Jahrtausende erhöhten Niveau hinab in ein Tal zwischen drei Hügeln - Kapitol, Palatin und Caelius - auf die ursprüngliche Fläche des römischen Markplatzes, bis auf jene Steine, die schon die Sandale des Horaz berührte, als er seinen flinken Schritt in Hexameter goss: Ibam forte Via Sacra sicut meus est mos (Grad ging ich, wie gewohnt, die Via Sacra runter) . Und plötzlich glaubt man, dass all das wirklich gewesen ist.

Was Italien mit diesem Menschheitserbe anstellt, ist also alles andere als gleichgültig. Es geht alle an, die ein neues, zivilisiertes Zusammenleben in Europa voranbringen wollen und dafür nach einem Fundament suchen. Dass es hier liegt, diese Tatsache kann die Abschaffung des Lateinunterrichts nur verdunkeln, aber nicht aus der Welt schaffen. Das Bestürzende ist nun: Dass man an einem warmen Aprilvormittag des Jahres 2001 einfach über die Via Sacra vom Kapitol zum Colosseum schlendern kann, ist eine junge Entwicklung. Noch vor zwei Jahren war das Forum nur über einen Seiteneingang nach oft langem Anstehen und mühsamem Billettlösen zugänglich. Große Teile der Ruinen waren hinter Bretterverschlägen, Maschendrahtzäunen und Erdhaufen verborgen. Man ging dort wirklich nur zum Besichtigen hin, pflichtschuldigst und unfroh. Der römische politische Marktbezirk war aus der heutigen Stadt gleichsam herausgenommen. Spazierengehen, Meditieren und den Verkehr hinter sich lassen, das war dort nicht möglich.

Heute ist der größte Teil des Forums wie ein Park, der zwar gut bewacht und bei Sonnenuntergang zugesperrt wird, den man aber untertags ohne weiteres betreten kann wie ein alter Römer. Zahlen (und manchmal warten) muss man für den engeren Palastbezirk auf dem Palatin mit den Ruinen der Kaiserresidenzen, seine unterirdischen Gänge und versteckten Parkanlagen - also für eine Zone, die schon in der Antike nicht mehr öffentlich war und heute besonderer Schonung bedarf.

Das ist ein politisches Faktum ersten Ranges. Vom Faschismus hat man gesagt, dass er die Züge wieder pünktlich gemacht hat. Von der seit 1996 regierenden Mitte-Links-Koalition kann man, was immer sonst von ihr zu halten ist, heute schon sagen: Sie hat in Italien die Museen wieder aufgemacht, die Antiken neu zu ordnen begonnen, die Kirchen restauriert, also das reichste Kulturerbe der Welt dem Verfall entrissen. Das ist für eine demokratische Regierung, die wie jede demokratische Regierung in Italien unter dem Verdacht der Ineffizienz steht, ein großer Erfolg.

Dieser Erfolg hat auch eine wirtschaftliche Dimension. In Italien gibt es mehr als 300 staatliche Museen. Wenn sie offen haben, und zwar länger als bis zu jenen 14.30 Uhr, die bis vor wenigen Jahren gewerkschaftlich zementierter Usus waren (heute kann man fast überall bis 19 Uhr ins Museum gehen), dann lassen sich kräftige Einnahmen erwirtschaften, zu denen nicht nur die Einheimischen, sondern vor allem auch die Fremden beitragen. Die Anzahl der Museumsbesuche hat von 1999 bis 2000 von knapp 25 Millionen auf über 27 Millionen zugenommen