die zeit: Herr Gabriel, Ihr letztes Interview mit einer überregionalen Zeitung erschien vor drei Monaten. Über Arbeitslose im Osten sagten Sie damals: "Es kann nicht sein, dass sich Menschen damit begnügen, ihre Kissen auf die Fensterbank zu legen und zuzuschauen, wie andere ihre Autos einparken." Kurz danach waren Sie selbst arbeitslos.

matthias gabriel: Von Arbeitslosigkeit war da nicht die Rede. Ich wollte eine muntere Diskussion lostreten über Wirtschaftsförderung in Ost und West. Dabei muss man auch darüber reden, dass mindestens 30 Prozent der Arbeitslosen das System missbrauchen. Ziel einer ehrlichen Debatte ist nicht, das soziale Netz abzuschaffen, sondern es zu stabilisieren für die, die es wirklich brauchen.

zeit: Bei Ihrem Chef, Ministerpräsident Reinhard Höppner, kam das nicht so gut an. Er hat Sie dafür entlassen.

gabriel: Ich dachte, die Zeit wäre reif für diese öffentliche Debatte. Und ich war der Überzeugung, dass ich sie mit der SPD in Sachsen-Anhalt führen könnte. Ich habe mich verschätzt. Ich habe außerdem viel über unsere politische Kultur gelernt. Im persönlichen Gespräch haben mir viele Genossen zugestimmt. Aber laut sagen mochte das kaum jemand.

zeit: Bei einer Leserumfrage der Magdeburger Volksstimme waren zwei Drittel auf Ihrer Seite.

gabriel: Das zeigt, dass selbst Otto-Normal-Ossi bereit ist, Kürzungen in Kauf zu nehmen. Die SPD hätte eine wirkliche Zukunftsdebatte beginnen können.

Damit wären wir ganz vorn gewesen und Sachsen-Anhalt auch.