Je kleiner die Aktivitäten des eigenen Verlages, desto unbeschwerter lebt der Medienjournalist. So gesehen, ist der Posten des Medienredakteurs bei der Welt ein Albtraum: Der Anspruch, eine bedeutsame Seite zu machen, ist seit einigen Jahren da, aber jedes zweite Unternehmen, über das man schreiben will, ist irgendwie mit dem eigenen Hause Springer verbandelt. Wie geht man damit um? Man meidet die Themen, demonstriert Distanz oder legt den Interessenkonflikt offen. Nichts davon macht die Welt. Sie trommelt mehrfach für die neue Frauen-Website von Springer namens sheego, wirbt für die Kooperation von Springer mit T-online, ist Sprachrohr für Verlags-PR in Sachen Gratiszeitungen, und ein- bis zweimal pro Woche findet sich Platz für einen Artikel in ureigener Sache. Irgendwann wird sich der Verlag entscheiden müssen, welche Art der Medienberichterstattung er sich auf Dauer leisten will.

Für die Aktivisten steht das Urteil fest: "Wir haben Dr. Laura gestoppt", steht auf ihrer Homepage. Nach nur einem halben Jahr hat der amerikanische TV-Produzent Paramount die Fernsehshow der umstrittenen Talkmasterin Laura Schlessinger abgesetzt. Dafür hatten mehrere Gruppen vor allem wegen der schwulenfeindlichen Äußerungen von Dr. Laura gekämpft, die Homosexualität als "biologischen Fehler" bezeichnete und einen Zusammenhang zwischen männlicher Homosexualität und Pädophilie herstellte. Die Kampagne war außerordentlich erfolgreich: Eine Vielzahl von Werbekunden, darunter der Riese Procter & Gamble, boykottierte die Show. Trotzdem darf man die Macht einer solchen Bewegung und die Bereitwilligkeit der Werbeindustrie nicht überschätzen: Wären die Einschaltquoten von Dr. Laura besser gewesen, hätten sich immer noch genügend Unternehmen als Werbepartner gefunden. Deshalb läuft die auch in den USA umstrittene Krawall-Talkshow von Jerry Springer nach wie vor. Nur die ohnehin nicht überragenden Zahlen gaben den Aktivisten den Angriffspunkt. Eine Lehre, die sicher auch fürs deutsche Fernsehen gilt.

Und wo bleibt das Österliche? Hier: Traditionell profiliert sich RTL an wichtigen Feiertagen als erste Adresse für Menschen mit Besinnlichkeitsphobie und versorgt seine Zuschauer mit einem Cocktail aus Blut und Dynamit. Am späten Karfreitag metzelt erst ein Wahnsinniger mit Maske unschuldige Schüler (Scream 2), dann geht es in Geschichten aus der Gruft - nein, nicht um eine 2000 Jahre alte Hinrichtungsgeschichte, sondern um ein Bordell, in dem die Lustdamen böse Vampire sind. Am Ostersonntag, von wegen Auferstehung, geht dann bei RTL konsequenterweise die Welt unter (Armageddon). Und selbst Notruf, untote Mutter aller Reality-Formate in Deutschland, kommt am Osterfest besonders festlich daher: Prominente und ihre Unfälle heißt die Spezialausgabe. Klingt doch äußerst vielversprechend.

Stefan Niggemeier (offline@zeit.de)