Hast du mit deinem Leben abgeschlossen?", haben ihn seine Arbeitskollegen gefragt, als ob er sich freiwillig zur Fremdenlegion gemeldet hätte. Dabei wollte Dirk Kettenbach bloß Lehrer werden, "mit jungen Leuten arbeiten und sich menschlich weiterentwickeln". Aber Dirk Kettenbach ist kein Lehrer.

Jedenfalls hat er kein Lehramtsstudium absolviert, sondern an der TU Kaiserslautern Maschinenbau studiert und sie als Diplomingenieur verlassen.

Danach hat er für eine Firma Wasserhähne und Dichtungen vertrieben, später als Produktmanager eine eigene Vertriebsabteilung aufgebaut. "Für die persönliche Entwicklung aber blieb wenig Zeit", sagt der 34-Jährige aus Hünstetten bei Wiesbaden, "in der Firma wurde der Mensch nur als Produktionsfaktor gesehen". Das wollte Kettenbach nicht länger sein. Er kündigte allen Warnungen zum Trotz. Und wurde Lehrer. Seit knapp sechs Monaten unterrichtet er an der Friedrich-Ebert-Schule in Wiesbaden Metalltechnik und Physik.

In Hessen, wie auch in den meisten anderen Bundesländern, ist es möglich, mit einem Diplomabschluss und Berufserfahrung an einer Berufsschule zu unterrichten. Selbst Handwerksmeister dürfen das. Jetzt sollen auch Akademiker mit Diplom- oder Magisterabschluss ohne Berufserfahrung und ohne pädagogische Ausbildung an allgemeinbildende Schulen, zumindest erst einmal in Hessen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, unterrichten dürfen. Andere Bundesländer werden folgen. Für die Kultusminister ist das eine Notlösung, die sie noch aus den sechziger Jahren kennen. Als es damals Lehrerengpässe an den Schulen gab, durften selbst Hausfrauen mit Abitur an den Grundschulen lehren. Später kamen Hochschulabsolventen ohne pädagogische Ausbildung hinzu.

Doch noch nie waren die Berufsaussichten für Quereinsteiger so gut wie jetzt.

Denn in den nächsten zehn Jahren vollzieht sich der große Generationswechsel in den Lehrerzimmern, etwa 300 000 Pauker verabschieden sich in den Ruhestand. Und die frei werdenden Stellen können nicht allein mit ausgebildeten Lehrern neu besetzt werden.

Erste Engpässe gibt es schon jetzt, vor allem an den Berufsschulen fehlen Lehrer. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm hat errechnet, dass dort bald auf einen ausgebildeten Nachwuchspädagogen vier freie Stellen kommen.