Dass die Regierung Bush in ihren ersten 80 Tagen ein besonderes Zart- oder Verantwortungsgefühl gegenüber dem Rest der Welt demonstriert habe, wäre eine höfliche Übertreibung. Aus dem koreanischen Verhandlungsprozess haben sich die Bushies ebenso zurückgezogen wie aus dem nahöstlichen. Den Russen haben sie den Einstieg in die Raketenabwehr vorgesetzt, den Europäern den Ausstieg aus der Klimakonvention. Umso überraschender ist - oder zumindest war - deshalb ihre geradezu psychiatrische Sensibilität gegenüber der Möchtegern-Weltmacht China.

Die hat sich offenbar entschlossen, aus der Kollision mit einem US-Beobachtungsflugzeug eine handfeste Konfrontation zu machen. Es ist nicht anzunehmen, dass der langsame Aufklärer die flinkfüßige F-8 der Chinesen absichtlich gerammt hat, auch nicht, dass die Maschine im nationalen Luftraum Chinas gewildert hat. Doch inzwischen macht das hässliche G-Wort die Runde in Amerika - G für "Geiseln". Dennoch hat Washington besänftigend von regret, "Bedauern", gesprochen - mehrfach. Das war richtig, denn eine kühl abwägende Außenpolitik ist derzeit in Peking nicht zu haben.

Das "Reich der Mitte" erinnert an das Deutsche, circa 1890 folgende. Wie Wilhelminien ist China ein Gemisch von Eitelkeit und Auftrumpfen, Unsicherheit und Geltungsbedürfnis. Im Inneren reiben sich immer heftiger zwei klassische tektonische Platten: hier ein absolutistisches Regime, dort eine Wirtschaft, die immer mehr Ketten abwerfen darf. "Bereichert euch im Markt, aber begnügt euch bei der Macht" ist ein Prinzip, das irgendwann an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen muss. Aber inzwischen muss wie unter Wilhelm Zwo der Nationalismus als Kleister für die wachsenden Risse herhalten.

Die Bushies haben das Problem erkannt und demnach ihr Prestige der Psychotherapie hintangestellt. Kein Kotau, aber doch sorry und sorrow, also "Trauer" , "Kummer". Doch scheint die Besänftigung noch nicht zu fruchten.

Gewiss werden beide Seiten eine gesichtswahrende Formel finden, doch müssen die Chinesen bedenken, dass die Diplomaten nicht allein in der Arena sind. In Amerika werden die Stimmen lauter, die freche Geiselnahme unterstellen. Auch steht für Peking nicht nur ein Exportüberschuss von 80 Milliarden Dollar auf dem Spiel. In der weiteren Arena, in Ostasien, wächst die Besorgnis über ein hartleibiges, unberechenbares China - wie weiland in Europa über Wilhelminien. In dieser Machtprobe hat China mehr zu verlieren als Amerika.

Josef Joffe