Wenn ein Mann im dunklen Anzug, an dünne Stahlseile gehängt, über einer weißen Badewanne schwebt, die mit Rollen an den zierlichen Füßen auf einem schwarzen Tisch steht, dann stellt sich die Frage: Was will er bloß? Er sucht die äußerste Balance im Sinnlosen, er versucht, den Moment anzuhalten. Was nur in einer raumgreifenden Fotoarbeit mit den Maßen 180 mal 240 Zentimeter derart suggestiv möglich ist. Raffinierter als jede Variéténummer und melancholisch absurd genug, die Seltsamkeiten des Lebens zu reflektieren.

Ebendieses "schöne Scheitern, das unsere Existenz, wenn man nicht verrückt wird, recht unterhaltsam macht", wie Jürgen Klauke sagt.

Klauke selbst ist das Erstarrte Ich dieser Fotografie von 1996/98: der Kölner Künstler, der seit den späten sechziger Jahren zugleich Experimentator und Medium ist, Herr über verstörende Performances und Fotoinszenierungen. Jetzt zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn sein fotografisches Werk in einer opulenten Ausstellung, und sage niemand, dass es Besucher im Geheimen nicht immer noch verstöre. Denn diese schillernde, irrlichternde Veranstaltung umgreift ein ernstes Spiel, zeigt Spiegelungen einer Erkenntnis Arthur Rimbauds vom Ende des 19. Jahrhunderts, die seither Künstler, Dandys, Undergroundstars und mit steter Faszination die Kunst der neunziger Jahre beschäftigt: Ich ist ein anderer, eine andere, etwas anderes. Ist Travestie, Maskerade, Mimikry, Transformation und damit die Absage an tradierte Vorstellungen.

Bei Jürgen Klauke entstehen daraus Verwandlungen, die sinnlich - so aggressiv wie lustvoll und irreal - Verlangen nach diesem Sein im anderen ins Bild setzen. Als der Künstler begann, Subkultur als "Treibhaus der Experimente und ab und zu des Wahnsinns" zu begreifen, als er mit kritischer Fantasie daran ging, Lebensgewohnheiten und Tabus einer stagnierenden Nachkriegsgesellschaft narzisstisch zu zersetzen, wurde er im heiligen Köln zum bösen Buben. Was heute nur noch eine historische Fußnote darstellt, für die Nachwelt aber mit Bilderfolgen wie Dr. Müller Sex-Shop Oder So stell' ich mir die Liebe vor dokumentiert ist.

Überzeugt von der Macht der Begierde und dem Recht auf Wahn knüpfte der "Transformer" über seinen grellen Alltag hinaus an surrealistische Bildpraktiken an und wurde dabei mit den Fotoserien zum Erfinder dramaturgischer Konzepte: Wenn das Ich ein anderes ist, so lautet deren Botschaft, dann können subjektive Erfahrungen zum Zwecke genauerer Einsicht in bildnerische Versuchsanordnungen überführt werden. Ihre Themen: Körper, der Tanz der Geschlechter, erotische Akrobatik und das Verschwinden aller Exzesse in der "Formalisierung der Langenweile". Ihr Ziel: Fragen nach dem gemeinhin Ungesagten, manchmal Geträumten, oft Gefürchteten zu stellen.

Klauke hatte eben Fragen, keine Antworten für den Betrachter.

Als der Rausch der frühen Zeit vorüber war und selbst "mit den heftigsten Dosierungen nicht mehr herzustellen", griff der Künstler als Autor und ständiger Akteur seiner Fotoinszenierungen zu den "unerträglichen Wiederholungen" eines absurden Umgangs seiner Figur mit Alltagsgegenständen wie Tischen, Stöcken, Hüten, Eimern. Da es nicht länger um Gewalt und Sexualität, androgynen Reiz und die Verführung des eigenen Ich ging, konnten diesem Ich andere Räume konstruiert werden: die der Einsamkeit und der phantomhaften Existenz in Röntgenbildern.