Die Meldung von Spiegel Online klang schon abenteuerlich: Bundesinnenminister Otto Schily erwäge, ausländische Nazi-Websites mit Hackerangriffen lahm zu legen. Die ministerielle Internet-Task-Force wolle damit jenen Rechtsradikalen ein Schnippchen schlagen, die sich dem Zugriff deutscher Ordnungshüter entziehen und ihre Agitation von ausländischen Servern aus betreiben. Die Waffe der Wahl sind so genannte Denial-of-Service-Attacken, bei denen die Netzrechner so lange mit Anfragen bombardiert werden, bis sie den rechten Geist aushauchen. Genau mit diesem Mittel hatten vor etwa einem Jahr Hacker mehrere große Internet-Sites angegriffen und damit überhaupt erst den Anlass für die Einrichtung von Schilys Online-Truppe geliefert.

Dass sich das Ministerium nun der rechten Gefahr entschieden annimmt, klingt zunächst kämpferisch und aufrecht. Und die Vorstellung von Beamten als Hackern entbehrt nicht eines gewissen subversiven Charmes - auch wenn Schilys Sprecher Dirk Inger eilfertig versichert, diese Methoden seien keineswegs "im Unrechtsbereich anzusiedeln". Bei näherem Hinsehen ist so ein Vorhaben jedoch äußerst fragwürdig. Wenn es tatsächlich umgesetzt würde, fände sich Deutschland bald international in einer Reihe mit Regimen wie dem Iran und China, die ihr Land gegen unliebsame Meinungsäußerungen via Internet abschirmen.

Naziparolen, die bei uns gesetzlich verboten sind, gelten in vielen Ländern als freie Meinungsäußerung. Die USA haben seit über 200 Jahren das First Amendment zu ihrer Verfassung. Darin steht sinngemäß: Jeder kann in Wort und Schrift sagen, was er will, die Menschen werden an ihren Taten gemessen.

Damit ist die amerikanische Demokratie immer gut gefahren - jedenfalls besser als die unsere. Und im Internet-Zeitalter erweist sich die Meinungsfreiheit amerikanischer Sorte als äußerst modern. Kein US-Staatsanwalt muss Spinner oder pubertierende Jugendliche verfolgen, weil sie auf ihrer Webseite ein paar Nazisymbole abbilden.

Deutschlands Image in der Internet-Szene ist sowieso schon nicht das beste.

Eine staatliche Attacke auf ausländische Server könnte es vollends ruinieren.

Klaus Birkenbihl, Vorstand der deutschen Abteilung der Internet Society, warnte in der Netz-Zeitung Telepolis schon vor einem Cyberwar der Ordnungshüter. Zwar sei auch er gegen Nazischmutz im Netz, aber: "Dieser Kampf darf nicht mit Mitteln geführt werden, die ihrerseits illegal sind."