Auf den Triumph hat Egbert Ulrich lange gewartet. 1994 reichte er gemeinsam mit anderen Empörten seine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein, am Dienstag vergangener Woche gaben die Richter ihm endlich Recht: In der Pflegeversicherung muss die Erziehung von Kindern bei der Beitragsgestaltung stärker honoriert werden. Der Gesetzgeber darf entscheiden, wie - und sich damit bis zum Jahr 2004 Zeit lassen. Dem vierfachen Vater Ulrich ist das allerdings nicht genug. Er will nun auch gegen die Rentenversicherung klagen, die er ebenfalls für familienfeindlich hält. "Wenn die Politik nicht ganz schnell selbst aus dem Pflegeurteil Konsequenzen für die Rente zieht, bleibt gar kein anderer Weg", sagt er.

Die Bundesregierung hört so etwas derzeit nicht gern. Die Frage, ob neben der Pflegeversicherung auch die Rentenversicherung familienfreundlicher werden muss, ist bislang noch nicht einmal zwischen den Koalitionspartnern geklärt: Die SPD sagt nein, die Grünen ja. Das Verfassungsgericht hat sich nicht eindeutig festgelegt, sondern dafür nur einen Prüfauftrag ausgesprochen.

Sicher ist nur: Es geht um extrem viel Geld. Während für die Pflegeversicherung nur 1,7 Prozent des Bruttolohnes als Beitrag gezahlt werden müssen, sind es bei der Rente 19,3 Prozent. Eine neue Kinderkomponente - zum Beispiel eine generelle Beitragsabsenkung für Eltern - würde nach Expertenschätzungen einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten.

Außerdem würde die Akzeptanz der ohnehin umstrittenen Rentenversicherung vermutlich weiter ausgehöhlt. Vor allem Singles würden sich künftig als Verlierer des Systems empfinden, wenn die Höhe der Sozialbeiträge zum Beispiel von der Zahl der Kinder abhinge. In diesem Fall seien, so der Sozialbeiratsvorsitzende Bert Rürup, "weitere Verfassungsklagen programmiert, diesmal allerdings aus der anderen Ecke". Denn für Einzahlungen in die Rentenkasse gilt bislang die Eigentumsgarantie aus Artikel 14 des Grundgesetzes. Jeder Versicherte muss mindestens eine Summe in Höhe der eingezahlten Beiträge wieder herausbekommen - auch dieses Prinzip hat das Bundesverfassungsgericht bereits mehrfach bestätigt.

Es geht um einen uralten Grundsatzstreit. Soll die Erziehung von Kindern innerhalb des Rentensystems gefördert werden, weil sie ein "konstitutiver" Bestandteil des größten Sozialsystems ist? Oder sollte lieber die Gemeinschaft der Steuerzahler die Kindererziehung fördern?

Einige namhafte Ökonomen vertreten die erste Ansicht und begründen dies mit der Entstehungsgeschichte des Rentensystems. Vor der Gründung der Sozialversicherung habe der Einzelne zwei Möglichkeiten gehabt, sich gegen Altersarmut abzusichern: Sparen oder Familiengründung. An die Stelle dieser individuellen Absicherung trat das Kollektivsystem: die Rentenversicherung.

Der Staat habe die Pflicht der Jüngeren, Sozialbeiträge und Steuern zu zahlen, stärker ausgestaltet als ihre individuellen Unterhaltspflichten gegenüber der Seniorengeneration, betonen Ökonomen. Im Grunde bedeute dies eine Enteignung der Eltern hinsichtlich der Unterhaltsanprüche, die sie gegenüber ihren Kindern erworben hätten. Insofern sei die Rentenversicherung ein System, das bisher zu der Benachteiligung von Familien führe.