Wenn Eddie sein Lied anstimmt, fängt er sanft an - mit einem lockenden Huhu. Dann schraubt er die Stimme in die Höhe und legt richtig los. Dabei scheint er ein kräftiges Forte mit großem Geschrei zu verwechseln. Den Höhepunkt choreografiert er mit rudernden Armen und wippenden Beinen. Die Darbietung klingt ziemlich gewöhnungsbedürftig. Macht nichts, Eddie tritt nicht auf den Bühnen der Welt auf, sondern hinter den Gittern eines Zoos. Und dass seine Zuhörer dort auf die Kletterbäume flüchten, ist Absicht: Schimpanse Eddie wollte nur mal klarmachen, wer Herr im Käfig ist.

Eddies Getöse Musik zu nennen, käme selbst Anhängern experimenteller Klanggespinste wohl nicht in den Sinn. Doch wenn er sich entspannt und spontane Tonfolgen über die Lippen purzeln lässt, kann man schon musikalische Elemente erkennen, glaubt Lutz Glandien. Denn, so der Berliner Komponist, auch Eddie kennt eine Tonleiter. Glandien hat die Schimpansen-Laute in Phrasen zerlegt und sie auf dem Klavier nachgespielt. "Erstaunlicherweise fand ich zu jedem Ton die passende Note", sagt er: "Heraus kamen Motive, die auch einem Jazzmusiker einfallen könnten."

Ein musikwissenschaftlicher Beweis für Eddies Musikalität ist das nicht. Für Glandien ist es aber ein Indiz, dass wir die Musik mit dem Tierreich teilen.

Inzwischen haben Neurowissenschaftler, Psychologen und Tierforscher eine Vielzahl ähnlicher Befunde zusammengetragen. Die Melodien, denen Menschen in Konzertsälen und vor Stereoanlagen lauschen, entpuppen sich als evolutionäres Erbe der animalischen Klangfolgen. Der Melodiesinn, vermuten die Experten, dürfte bereits im Dunkel der menschlichen Vorgeschichte dem sozialen Zusammenhalt gedient haben.

Schon bei der Geburt sind offenbar musikalische Strukturen im Menschenhirn angelegt. Welche Tonfolgen harmonisch klingen und welche disharmonisch, muss niemand lernen. Schon sechs Monate alte Kleinkinder quittieren manche Dreiklänge mit Wimmern, fand Sandra Trehub von der Universität Toronto heraus. Was die Babys ärgert, beschreibt auch die Musikwissenschaft als dissonant. Auf andere Kombinationen von Noten, die in der Musik als konsonant gelten, reagieren Säuglinge dagegen mit einem strahlenden Gesicht.

Das menschliche Gehirn transformiert offenbar nur ganz bestimmte Schallereignisse in ein harmonisches Erlebnis. Angela Friederici vom Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung streute in eine Kadenz nach Lehrbuchharmonie neapolitanische Sextakkorde - überraschende Dreiklänge, mit denen Komponisten Spannung erzeugen. Präzise identifizieren musikalisch unbeleckte Testpersonen den unpassenden Akkord - ganz unbewusst.

Wenn das Gehirn der Probanden die Dreiklänge registrierte, flackerte Nervenaktivität im rechten Stirnlappen auf.