Grabanow/Brüssel

Die Gefühle des Zygmund Galecki schwanken zwischen Untergang und Übermut.

Eben noch hat der wortflinke Funktionär der Bauerngewerkschaft Solidarnoc "die Diebe und Strolche" aus dem allmächtigen Westeuropa verflucht: "Die kommen hierher, kaufen für billiges Geld unsere Höfe und machen unsere Landwirtschaft platt!" Die Polen als Opfer, das kennen sie zur Genüge aus der leidvollen Geschichte ihrer Nation. Nur Sekunden später jedoch tönt Galecki ganz anders: Da schwärmt er von Polens edlem Weizen, vom besten Rindfleisch und all "den großen Reserven", die hier, im Bezirk Lublin nahe der Grenze zu Weißrussland, in der Scholle schlummern. "Wir können Europas Märkte überschwemmen", glaubt Galecki und fährt sich mit dem Finger über den struppigen Schnauzbart, "wenn der Westen uns nur endlich reinlässt!"

So wie Zygmund Galecki denken viele im ostpolnischen Örtchen Grabanow. Die Erweiterung der EU, jene viel beschworene "Versöhnung des Kontinents", ist hier Traum und Albtraum zugleich. Gäbe es morgen ein Referendum, der Funktionär der Bauern-Solidarnoc hätte seine "starken Zweifel, dass bei uns eine Mehrheit für den Beitritt stimmen würde".

Gerade dieser Tage beschert Europa nichts als Ärger. Zwar haben bisher weder MKS noch BSE das Land befallen, aber Moskau verbot vorsorglich alle Fleischimporte über den Bug. Als Brüssel vorige Woche obendrein Polen als BSE-gefährdet einstufte, riefen Solidarnoc-Bauern zum Boykott westlicher Produkte auf: "Kauft polnisch!" Auch Warschaus Agrarminister protestiert, beklagt millionenschwere Exporteinbrüche, glaubt die Nation nach wie vor "BSE-frei". Und wenn nicht? Dann hat man sich, auf Brüsseler Drängen, eben angesteckt durch importiertes Tiermehl aus Deutschland oder an Rasserindern, die mit EU-Subventionen ins Land gekarrt wurden. Merke: Wer sich auf den Westen einlässt, der kommt daran um.

Zwei Flugstunden weiter westlich, in Brüssel, sieht die Welt ganz anders aus.

Die EU-Kommission weist jeden Vorwurf antipolnischer Verschwörung zurück: Man habe "nur streng nach den Regeln" entschieden. Wie immer. Polens Proteste gelangen hier nur als stumme Demarchen auf den Tisch, die Verbitterung hinter Oder und Neiße wird allenfalls in Form sinkender Sympathiewerte in Umfragen wahrgenommen: Noch immer wünscht zwar eine Mehrheit den Beitritt, doch die Zahl der Gegner wächst, die Anhängerschaft schwindet. Inzwischen meint jeder zweite Pole (54 Prozent), die EU profitiere mehr von Polens Öffnung gen Westen als das Land selbst