die zeit: Herr Borchert, warum sind Sie so sicher, dass nicht nur die Pflegeversicherung, sondern auch das Rentensystem verfassungswidrig ist?

Jürgen Borchert: Das Bundesverfassungsgericht hat am Beispiel der Pflegeversicherung klargemacht, dass ohne die Erziehung von Kindern keines der Sozialsysteme bestehen könnte. Die Kinder von heute zahlen die Renten von morgen. Wer Kinder großzieht, hat deshalb nach Ansicht der Verfassungsrichter automatisch Ansprüche an die Versichertengemeinschaft, genau wie jeder Beitragszahler. Es gilt das Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Das Gericht hat deshalb einen starken Ausgleich zwischen Kinderlosen und Familien gefordert. Diese Vorgabe wird im heutigen System nicht erfüllt.

zeit: Der Staat zahlt jährlich 22,4 Milliarden Mark an die Rentenkasse, mit denen Erziehungsleistungen heutiger und künftiger Rentner honoriert werden.

Bei der neuen privaten Altersvorsorge sind weitere Fördermilliarden für Familien vorgesehen. Ist das nicht eine ganze Menge?

Borchert: Woher kommt denn dieses Geld? Alle steuerfinanzierten Programme werden von den Familien selbst mitbezahlt. Von der Ökosteuer und der Mehrwertsteuer sind Kinderreiche besonders stark betroffen. Eltern werden also doppelt belastet: Zum normalen Rentenbeitrag kommen hohe Verbrauchsteuern hinzu. Daran wird auch die Rentenreform nichts ändern. Die bessere Bewertung von Erziehungszeiten innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung gilt außerdem nur für Geburten ab 1992. Die Regelung wirkt sich also erst ab 2030 richtig aus, wenn diese Mütter in Rente gehen. Außerdem profitieren nur Frauen mit zwei Kindern nur dann davon, wenn sie mindestens fünf Jahre berufstätig waren.

zeit: Gegen die Pflegeversicherung hat ein Vater von zehn Kindern geklagt.

Die Rentenversicherer rechnen vor, dass dieser Mann allein durch seine Erziehungsleistung einen monatlichen Rentenanspruch von 2300 Mark erwirbt.