Mitteleuropa - was war das noch? Ach ja, als 1989 in Ungarn der erste Stacheldraht durchgezwickt wurde und in der bundesdeutschen Botschaft zu Prag die DDR auszulaufen begann, als also die westöstliche Welt entzweiging, war Mitteleuropa wieder die Utopie einer geistigen Mitte. Nun, ein gutes Jahrzehnt und ein paar europäische Kriege später, beschwört eine neue Zeitschrift noch einmal den Traum von einem Kulturraum, der dem wankelmütigen Kontinent innere Stabilität verleihen möge. Kafka - Zeitschrift für Mitteleuropa heißt das ehrgeizige Projekt - "weil dieser Name in allen unterschiedlichen Sprachen der Erscheinungsländer immer gleich lautet", wie das Editorial erklärt. Kafka ist die erste Gemeinschaftsarbeit von Goethe-Institut und Inter Nationes, wird von ihnen kostenlos vertrieben und erscheint vierteljährlich in der jeweiligen Landessprache in Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Deutschland - ein Luxusprojekt in Zeiten knapper Kassen. Auf dem Weg nach Europa lautet das Thema der ersten Nummer, zu dem die Redakteure Ingke Brodersen (früher Rowohlt Berlin) und Rüdiger Dammann Texte der üblichen Verdächtigen von Konrád bis Krzeminski versammeln.

Alles so edel wie die Fotos von Frantisek Drtikol, die Kafka zieren - und so rückwärtsgewandt. Die geplanten Hefte über Heimatgefühle und Tabus versprechen etwas mehr Wumm und Mumm. Den braucht Mitteleuropa, sonst klingt der Begriff auch im Jahr zwölf danach noch hohl.