Kaffeekränzchen, Bridgeabende, tägliche Museumsbesuche - so wollte Ruth Nowakowski ihren Ruhestand nicht verbringen. Sie entschied sich, nach Afrika zu gehen. Brachte in Uganda ein Waisenhaus auf Vordermann, baute Waschküchen und Zisternen.

Die 74-Jährige gehört zu den rund 5000 so genannten Senior Experten in Deutschland, die ihr Wissen weltweit anbieten. Ehrenamtlich, für ein Taschengeld von 30 Mark am Tag. Der "Senior Experten Service" (SES) organisierte im vergangenen Jahr über 1000 Einsätze von pensionierten Fach- und Führungskräften in knapp 90 Ländern - das erfolgreichste Jahr, seit der "Ehrenamtliche Dienst der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit" vor 18 Jahren gegründet wurde. Und 2001, im Jahr des Ehrenamtes und der Freiwilligkeit, werden die Zahlen weiter steigen, schätzt Helmi Stolz von der SES-Zentrale in Bonn.

Die Experten mit den "weißen Haaren" leisten Hilfe zur Selbsthilfe in großen Unternehmen, kleinen Firmen, sozialen Einrichtungen oder Organisationen. Ihre Einsätze dauern maximal sechs Monate. Sie beraten Fließbandarbeiter genauso wie Geschäftsführer, lösen technische und betriebswirtschaftliche Probleme.

Sie führen Solarkochtechnik in Kenia ein, verbessern die Seidenproduktion in Kyrgystan, bringen Bierbrauereien in China auf den neuesten Stand. Oder kümmern sich um Waisenhäuser, so wie Ruth Nowakowski.

Die Ernährungswissenschaftlerin stößt zum ersten Mal beim Bügeln auf den SES.

Nebenher läuft der Fernseher, ein Beitrag über Senior Experten, die in China ein Walzwerk auf Marktwirtschaft umstellten. Sie selbst hat 40 Jahre lang in einer Hamburger Handelsschule Lebensmitteleinzelhändler unterrichtet. Familie hat sie keine. Es fasziniert sie, dass Rentner noch so spannende Aufgaben anpacken. Das will sie auch.

Sie fährt nach Bonn zur SES-Zentrale, stellt sich vor, füllt einen Fragebogen aus und wird in die Kartei aufgenommen. Und wartet. Fünf Jahre lang. Dann kommt endlich der erste Auftrag: Eine Schule für Gastronomie und Hotellerie in Budapest sucht jemanden für den deutschsprachigen Zug. Ruth Nowakowski zögert nicht lange. Als sie nach einem Monat aus Ungarn zurückkehrt, klingelt das Telefon, und der SES fragt, ob sie sich ein Vierteljahr in Uganda vorstellen könne. Sie kann. In einem Seminarhaus soll sie die Abläufe von Verwaltung, Zimmerservice und Küche besser organisieren.