Erst das Sterbegesetz für Todkranke, dann die Todespille für Lebensmüde: Ist den Niederländern gar nichts mehr heilig? Kaum ist das Gesetz verabschiedet, das die Tötung auf Verlangen praktisch legalisiert, stellt die dortige Gesundheitsministerin rechtzeitig zu Ostern ein neues "Geschenk" in Aussicht. Demnächst könnten alte Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen, eine passende Pille bekommen - nur auf Anforderung, natürlich. Ein Zyniker könnte fragen: Wozu braucht man noch das Gesetz und den tötenden Arzt (und all die Genehmigungskommissionen), wenn jeder die Pille erwerben und selber einnehmen kann? Der demoskopisch erfassbare Normalbürger hingegen scheint mit beidem zugleich einverstanden zu sein - wenn man ihn nur recht nach seinem Einverständnis fragt.

Womit haben wir es zu tun? Mit einem Rückfall in die Barbarei oder nur mit der Konsequenz des buchstäblich zum Ende gedachten Konzepts der individuellen Autonomie über das eigene Leben? Oder aber mit beidem in einem: mit einer grenzenlosen Selbstbestimmung, die auch noch über die Grenzen des Selbst bestimmen will?

Dass der Mensch sein Leben nicht sich selber verdankt, diese Tatsache ist so selbstverständlich, dass sie jede Meldung vom Tode Gottes überlebt hat. Aber wie passt dazu die Selbstverständlichkeit, mit welcher der moderne Mensch als Regelfall annimmt, er könne über sein Leben letztgültig verfügen? Gewiss, kein Mensch darf sich eine Entscheidung über das Leben eines anderen anmaßen; doch ist daraus etwa zu schließen: über sein eigenes schon?

Bevor man sich in den verzwickten moralischen und juristischen Fallstudien verliert, sollte man sich vergegenwärtigen, wohin eine absolute Autonomie führt, die kein gebietendes und entlastendes, also auch kein gnädiges Gegenüber mehr kennt: nämlich in die "Knechtschaft des selbstgewählten Wegs"; so der Theologe Ernst Käsemann. Was heißt auf diesem Weg "Hilfe im Sterben" - und also auch Hilfe zum Leben, auch in seiner letzten Stunde?

Sterbehilfe ist in der Tat nur zu verstehen und zu rechtfertigen als ultimative Lebenshilfe. Menschenwürdiges Leben und Sterben gehören zusammen, unverfügbar und unteilbar. (Zu dieser Würde gehört es auch, dass die Entscheidung eines Menschen zum Freitod resignierend hingenommen werden muss, wenn sie nicht abgewendet werden kann.) Eine ärztliche Kunst, die um ihrer selbst willen Leiden verlängert, wo Leben unweigerlich zu Ende geht, vergeht sich an der Menschenwürde nicht weniger als eine Medizin, die das Lebensende um seiner selbst willen herbeiführt.

Die aktuelle Debatte, aus der die niederländische Gesetzgebung nur als ein Extrem herausragt, wird durch die Konkurrenz zweier ungestümer Kräfte verschärft: hier der gewaltige medizinische Fortschritt bis hin zur hochtechnischen Lebensrettung und -verlängerung, dort die seit der Aufklärung immer deutlicher eingeforderte Autonomie des Individuums. Dieser Widerstreit aber provoziert bei vielen die Angst, eine selbstherrliche medizinische Kunst werde sich auch über das leidende Individuum hinwegsetzen und sein Leiden sinnlos verlängern. Paradoxerweise geht mit diesem Doppelfortschritt aber auch die Erwartung einher, das Leben lasse sich schier endlos verlängern. Auch sinnvoll verlängern?

Leben nur bis zum Widerruf durch eine Kommission?