Kanzler Schröder will die Arbeitslosen aufscheuchen, er spricht ihnen das "Recht auf Faulheit" und Daueralimentierung ab. Zeit für ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die Deutschen hätten vor zehn Jahren zwischen zwei Gegenwelten entscheiden können. Die eine:NacheinemJahrzehnt werden trotz wirtschaftlichen Aufschwungs vier Millionen Menschen arbeitslos sein. Der Arbeitsmarkt bleibt streng reglementiert, die Unterstützung der Arbeitslosen so großzügig wie gewohnt. Schwarzarbeit blüht, die Frührentnerwelle rollt, Hunderttausende Arbeitsfähiger richten sich in der Abhängigkeit vom Amt ein, der Staat plagt sich im Kampf gegen Scheinselbstständigkeit und Sozialmissbrauch.

Die andere: Deutschland verabschiedet sich vom System, das einst Arbeitssicherheit garantierte und heute Arbeitslosigkeit produziert. Wenn sich Betriebe und Mitarbeiter einig sind, dürfen sie künftig ohne Plazet gewerkschaftlicher Funktionäre von Tarifverträgen abweichen. Das Gesetz lässt Niedriglöhne zu und fasst Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammen: Wer Jobangebote ablehnt, kriegt weniger Stütze, wer Billigjobs annimmt, bekommt Zusatzlohn vom Staat. Der Kündigungsschutz wird gelockert, damit Unternehmen in guten Zeiten nicht vor Festeinstellungen zurückschrecken, weil sie in schlechten Zeiten Entlassungen teuer bezahlen müssen. Die Folgen: Die Arbeitslosigkeit fällt, das Wachstum steigt; der Leistungsdruck erreicht Menschen, die sich bisher am Arbeitsplatz unantastbar wähnten; die Einkommen wachsen zwar insgesamt, sind aber ungleicher verteilt.

Wären die Gegenwelten so krass gezeichnet worden, hätten die Deutschen die Reform gewählt. Tatsächlich aber haben sie sich für das einst Bewährte entschieden - in der Hoffnung, dass besser würde, was inzwischen schlechter geworden ist.

Gewiss: There is no such thing as a free lunch - nichts ist kostenlos, wie Ökonomen wissen. Wenn der Arbeitsmarkt geöffnet wird, wenn alle Leistungsfähigen entweder etwas leisten müssen oder sich weniger leisten können, würde manches Leben härter - aber viele auch chancenreicher.

Wer würde sich freiwillig für die Arbeitslosenkarriere entscheiden?

Dagegen ist das jetzige System teuer für alle. Die Arbeitenden bezahlen mit hohen Abgaben, die Arbeitslosen mit ungewollter Abhängigkeit vom Staat. Einige von ihnen richten sich ein, entwickeln Geschicklichkeit im Umgang mit aufdringlichen Behörden, verdienen nebenher nicht schlecht, wenn auch schwarz. Aber vor die Wahl gestellt, hätten sich nur die wenigsten für die Arbeitslosenkarriere entschieden. Wie es auch gedreht und gewendet wird, das Sicherheitsversprechen, an dem Staat und Tarifpartner sich festkrallen, hat sich als unhaltbar erwiesen. Nun rächt es sich, dass sich dieses Land immer wieder an den harten Entscheidungen vorbeigemogelt hat.

Ob sich das jetzt ändert? Gerhard Schröder fabuliert nicht einfach so über Faulheit. Er muss - in der Kanzlerdiktion - "da was machen", weil er sonst als Verlierer im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit dasteht. Also bereitet er das rhetorische Umfeld für Taten vor, die den alliierten Chefgewerkschaftern missfallen müssen. Die Arbeitsämter sollen mehr auf ihre Schutzbefohlenen eingehen, zugleich aber härter mit ihnen umgehen, wenn sie sich verweigern.