Christian Lorenz* ist einer von 1 343 186 Deutschen. So viele waren das ganze Jahr 2000 über, mindestens zwölf Monate lang, arbeitslos gemeldet. Christian Lorenz zählt zu den Langzeitarbeitslosen. Er hat Maurer und obendrein Zimmermann gelernt. Zweimal hatte er einen Bandscheibenvorfall, jetzt bezieht er Berufsunfähigkeitsrente. Zusätzlich ist er beim Arbeitsamt registriert. Dort wird die Rente aufgestockt, auf das Niveau der Arbeitslosenhilfe. Denn Lorenz könnte ja arbeiten. Nur darf es kein körperlich anstrengender Job sein, wie er ihn gelernt hat. Ein einziges Angebot hat ihm das Arbeitsamt in den vergangenen zwei Jahren gemacht. Er hat die Stelle nicht bekommen. Ist er ein Drückeberger?

Das Kanzlerwort gegen das "Recht auf Faulheit" hat die öffentliche Diskussion gewendet. Bislang durften Arbeitslose auf allgemeines Mitgefühl rechnen. Gerhard Schröder selbst hatte sich zu ihrem Schutzherrn ernannt, indem er ihnen Jobs versprach. Ihren Arbeitswillen anzuzweifeln war politisch nicht korrekt, obwohl mancher die Stütze gern fürs Nichtstun kassierte. Bislang war Heuchelei im Spiel, jetzt aber wird sie abgelöst durch Häme. Willige Arbeitslose fühlen sich als Faulpelze diffamiert. Wer keinen Job findet, ist selber schuld, so scheint es. "Die Drückeberger herauszufiltern ist schwierig", sagt Viktor Steiner, Arbeitsmarktexperte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. "Ihr Anteil liegt aber unter zehn Prozent."

Dass Christian Lorenz nur eine einzige Chance vom Arbeitsamt bekam, hat Gründe. Der entscheidende: Er ist 51 Jahre alt. Er zählt also zu den 685 045 Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre. Diese Altersgruppe stellte im Jahr 2000 über die Hälfte derjenigen, die mehr als 12 Monate arbeitslos gemeldet waren. "Über 50 zu sein ist ein Vermittlungsrisiko. Der Grund für eine Langzeitarbeitslosigkeit ist primär das Alter", sagt Gerhard Kleinhenz, der das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) bei der Bundesanstalt für Arbeit leitet. Allerdings: Mancher Endfünfziger will tatsächlich nicht mehr arbeiten. Er wurde von seinem Betrieb mit einer Abfindung entlassen. Damit sollte er, das war Teil der Absprache, sein Arbeitslosengeld bis zur Rente aufstocken. "Diese Menschen begreifen sich nicht als arbeitslos, sondern als Frührentner", sagt Kleinhenz. Sind sie faul?

Die Bundesregierung hat die Statistiken der Bundesanstalt analysiert. Sie hat erkannt, dass gut 1,34 Millionen Langzeitarbeitslose die Quote in die Höhe treiben. Es scheint, als würden sie ein Drittel von 3,9 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt stellen. Tatsächlich haben sich im Laufe des vergangenen Jahres 7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Jeweils zum Monatsende registriert die Bundesanstalt die Zahlen und errechnet daraus den Durchschnitt des Jahres. Rund 30 Prozent sind nur ein bis zwei Monate gemeldet. Sie gehen nur ein-, zweimal in die Jahresstatistik ein, während der Langzeitarbeitslose zwölfmal zählt. "82,6 Prozent verlassen die Arbeitslosigkeit vor Ablauf eines Jahres", sagt IAB-Chef Kleinhenz.

Auch Christina Kunze* war im vergangenen Jahr arbeitslos. Mit ihrer neuen Chefin, in deren Vorzimmer sie als Sekretärin saß, stimmte die Chemie nicht. Man einigte sich auf die Auflösung des Vertrages. Christina Kunze war das sehr recht. Sie spricht vier Sprachen und konnte ohne weiteres einen neuen Job finden. Zuerst aber ging sie zum Arbeitsamt, um Unterstützung zu beantragen. Zwei Monate später begann sie wieder zu arbeiten. "Ich wollte mir eine Auszeit zwischen den beiden Jobs gönnen", sagt die 34-Jährige. Das ist weit verbreitet und wird gemeinhin toleriert. Oft spielen die Arbeitgeber mit und bescheinigen dem Mitarbeiter die Kündigung, obwohl der selbst das Unternehmen verlassen wollte. Denn nur so gibt es Arbeitslosengeld. Ist somit Faulheit auf Kosten der Allgemeinheit unter Kurzzeitarbeitslosen verbreiteter als unter den Dauerfällen?

Nichtstun ist ganz schön - wenn es nicht zu lange dauert

Das Phänomen "Faulheit" ist schwer zu fassen. Ein paar Wochen Nichtstun, im Urlaub oder bevor der neue Job beginnt, das genießen fast alle. Wenn sich diese Phase aber gar zu lange ausdehnt, wenn kein Ende der Arbeitslosigkeit abzusehen ist, dann schlägt sie den allermeisten aufs Gemüt. Langeweile macht sich breit, soziale Kontakte gehen verloren, das Selbstbewusstsein leidet. Depressionen, Ehekrisen, gar Alkoholismus drohen. Die Rückkehr ins Berufsleben wird umso schwerer.