Der Wüstenwind jagt durch diesen Film, die Sonne drückt auf ihn herab, das Wasser und die Salzkristalle glitzern, bis sie blenden. Der Boden ist hart und steinig, er staubt, mehr gibt er nicht her. Mittendrin stehen Männer auf verlorenem Posten. Diese Natur machen sie sich nicht untertan, höchstens trotzen sie ihr. Am Horn von Afrika, unweit von Dschibuti, tut ein versprengter Trupp Fremdenlegionäre Dienst. Die Soldaten trainieren in der Einöde für einen Einsatz, der irgendwann irgendwo stattfinden mag; oder auch nicht.Am Horn von Afrika, unweit von Dschibuti, tut ein versprengter Trupp Fremdenlegionäre Dienst. Die Soldaten trainieren in der Einöde für einen Einsatz, der irgendwann irgendwo stattfinden mag; oder auch nicht. Sie sind Fremdkörper, allerdings vorbildlich in Form. Ihre Übungen auf weitem Feld im Nirgendwo haben eine kämpferische Größe und wirken doch lächerlich. Jede Kraftanstrengung wird vom Winde verweht. Nur gegen die eigene Natur scheint die Disziplinierung zu funktionieren. Jenseits der Truppe verpufft alle Energie, aber unter den schweißglänzenden Oberkörpern steigt die Spannung.

Aus einer lockeren Folge flirrender Szenen schält sich langsam eine Tragödie heraus. Der Adjudant Galoup (Denis Lavant) empfindet den neuen Rekruten Sentain (Gregoire Colin) als Nebenbuhler um die Gunst seines Kommandanten (Michel Subor). Er sucht und findet einen Anlass, um Sentain loszuwerden, verletzt dabei aber den Code der Legion und wird ausgeschlossen. Vom Hotelzimmmer in Marseille aus, das ihn einengt wie den Tiger der Käfig, erinnert sich Galoup an die blendende Zeit inmitten der Kompanie. Beau Travail von Claire Denis folgt im Grunde diesen Erinnerungen, schweift aber ständig ab. Sentain spricht sporadisch, mit rauer Stimme, aus dem Off vom fatalen Lauf der Dinge. Doch die Bilder, die Beau Travail bestimmen, zeigen das Dasein jenseits des Dramas und rundherum, die Verlassenheit unter der Sonne, die tägliche Routine, das disziplinierte Leben im Leerlauf. Die Handlung schwappt nur wie zufällig aus dem freien Fluss der Eindrücke hervor. In dieser Art Montage ist Claire Denis zur Meisterin geworden. Sie hat noch nie stringent erzählt, jedes Mal setzt sie ihre Filme aus verschiedenen Mosaiksteinchen und aus verschiedenen Richtungen zusammen. Es ist auch diesmal, als entstiege die Geschichte ganz nebenbei einem neugierigen Umherschauen und als ließe sich der ursprünglich schweifende Blick nie wirklich unter Kontrolle bringen.

Je mutiger Claire Denis auf dem Grat zwischen assoziativer und organisierter Montage mit den Stoffen spielt, desto schwerer scheinen es ihre Filme im Kino zu haben. Bereits im vorvergangenen September lief Beau Travail auf dem Filmfestival Venedig, vor 14 Monaten hatte er im Forum der Berlinale Deutschland-Premiere. Jetzt erst wird er von einem Kleinverleih regulär ins Kino gebracht, und nur mit zwei Kopien. Die laufen zur Zeit in Berlin, dann folgen München, Köln, Frankfurt und weitere Städte. Hamburg wurde, außer der Reihe, bereits vor zwei Monaten mit ein paar verstreuten Terminen im kommunalen Kino bedacht. Beau Travail hat eine breitere Auswertung verdient. Andererseits erscheint der nomadisierende Einsatz des Films fast passend. Denn Denis' Werke handeln so gut wie alle vom Versuch, im Exil eine Heimat zu finden, dem unbehausten Leben ein Zuhause abzugewinnen. Sie erzählen von displaced persons, und unter diesen Gestalten findet niemand Halt auf Dauer.

Claire Denis ist selbst als eine Art displaced person aufgewachsen, als Tochter eines französischen Kolonialbeamten in verschiedenen afrikanischen Staaten. Ihre Eltern haben ihr schon früh vermittelt, dass die Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen, die das Kind gewohnt war, keineswegs einer natürlichen Ordnung folgte. Denis' Debütfilm Chocolat von 1989 greift die Kindheitserinnerungen auf und stellt die Figuren deshalb gleich in eine zugige Zwischenzeit. Darin liegen die sozialen Hierarchien über Kreuz mit den erotischen Attraktionen; die französische Familie führt in Kamerun ein atmosphärisch unstetes Dasein auf Abruf, und die Tochter spürt das, ohne es schon deuten zu können. Claire Denis muss aus Afrika eine besondere Empfindsamkeit mitgebracht haben, eine Art existenzielle Ruhelosigkeit.

Ein lauerndes Tier voll kasernierter Kraft

Jedenfalls gelangen ihre Filme niemals zur Ruhe, und den Menschen darin gelingt das genauso wenig. Ihnen fehlen die Wurzeln, das gilt für die scheiternden Low-life-Lebenskünstler aus Ich kann nicht schlafen wie für das disparate, von allen Eltern verlassene Geschwisterpaar Nénette und Boni. Denis schenkt niemandem Geborgenheit, dafür fädelt sie eine besondere Sinnlichkeit in ihre Filme, die vieles auf die Schwelle bringt, wenn auch selten darüber hinaus. Immer wieder zeigt sie erotische Anziehungskräfte, aber Liebesszenen gibt es so gut wie nie. Beständig oszilliert die Montage zwischen gespannter und entspannter Erwartung.

Auf den ersten Blick scheint es merkwürdig, dass sich eine Frau für die Fremdenlegion interessiert. Aber in Beau Travail, ursprünglich eine Arte-Produktion zum Thema Fremde Welten, kann Claire Denis ihre bisherigen Motive auf wunderbare Weise variieren. Die Legion versucht, lauter Heimatlosen eine neue Heimat zu geben; Legio patria nostra - "Die Legion ist unser Vaterland" lautet eines ihrer Mottos. Sie funktioniert wie eine wehrhafte Ersatzfamilie auf Abruf und wird zugleich von erotischen Banden durchzogen. So wie Denis den Trupp Soldaten inszeniert, so hat sie vorher ihre anderen Figuren aufs Spielbrett geworfen.