Vor wenigen Wochen trafen sich mehr als 400 Rektoren in Salamanca. Dort zimmerten sie einträchtig wie selten die Leitlinien für die Bildungsmacht Europa im kommenden Jahrhundert. Wettbewerb, konsekutive Studiengänge, Ausbildung zur Berufsfähigkeit, Integrationsfähigkeit der Studienangebote - die europäischen Hochschulen sind auf dem richtigen Weg, sich fit zu machen für den weltweiten Bildungsmarkt. So weit, so gut.

Doch ein beherrschendes Thema der europäischen hochschulpolitischen Debatte - so zeigte sich in Salamanca - ist auch die Akkreditierung von Studiengängen, die Einrichtung von Akkreditierungsagenturen, die Definition von europaweiten Standards. Auch das hört sich zunächst gut an. Doch wie beim präventiven Impfen gegen MKS sind auch hier die Kosten hoch und der Aufwand groß, der Nutzen aber eher zweifelhaft. Worum geht es? Wenn der Staat die Hochschulen in die Autonomie entlässt - was wir alle wünschen -, dann kann er über die Detailsteuerung und -genehmigung auch nicht mehr die unmittelbare Garantie für die Qualität des Lehrangebots übernehmen. Die Studierenden ebenso wie der Steuerzahler haben aber ein Anrecht darauf, auf die Qualität der Hochschulen vertrauen zu können. In den USA, wo jeder eine Hochschule eröffnen kann, haben sich daher Akkreditierungseinrichtungen gebildet, die darauf achten, dass genügend qualifiziertes Lehrpersonal zur Verfügung steht, die Bibliothek hinreichend bestückt ist, ausreichend Computerarbeitsplätze zur Verfügung stehen und so weiter. Es handelt sich also um sinnvolle Einrichtungen des Verbraucherschutzes, die auch unterschiedliche Qualität signalisieren, abhängig von den Ansprüchen der jeweiligen Agentur.

Den Gedanken eines freieren Hochschulsystems nach Deutschland zu übertragen ist richtig. Aber wir machen es natürlich besonders gründlich. So haben wir für die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge zwischen Kultusministerkonferenz und Hochschulrektorenkonferenz einen Akkreditierungsrat eingerichtet, der Akkreditierungsagenturen akkreditiert, die ihrerseits die Studiengänge akkreditieren. Ein gestuftes Verfahren für gestufte Abschlüsse! Ein schlüssiges Konzept, könnte man meinen. Und ein teures obendrein. Für jeden untersuchten Studiengang muss die Hochschule zwischen 30 000 und 50 000 Mark an die Agentur entrichten. Die Akkreditierung gilt für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Aber gewonnen ist damit wenig, denn die Wissenschaftsministerien behalten sich vorerst die Genehmigung der Studiengänge vor. Wie so häufig richtet der Staat ein neues Steuerungssystem ein, verzichtet aber nicht auf das alte, sondern hält die Fäden weiter in der Hand.

Mindeststandards an Qualität hält jede deutsche Hochschule ein

Aber es kommt noch schlimmer. Bei bisher etwa 600 Bachelor- und Master-Studiengängen werden an die Akkreditierungsagenturen alle drei bis fünf Jahre zwischen 18 bis 30 Millionen Mark fließen. Wenn wir später einmal alle rund 9000 Studiengänge in Deutschland einbeziehen, dann ergeben sich Kosten von 270 bis 450 Millionen Mark. Das entspricht den Gesamtkosten für eine mittelgroße Universität in Deutschland. Was bekommen wir dafür? Nun, Eltern, Studierende und Wirtschaft können darauf vertrauen, dass in den akkreditierten Studiengängen Mindeststandards an Qualität eingehalten werden. Das ist wenig; denn wer glaubt eigentlich, dass deutsche Professoren nicht einmal Mindeststandards genügen könnten? Wer glaubt ernsthaft, dass in den Bibliotheken nicht ein Minimum an aktueller und bewahrenswerter Kultur vorhanden wäre? Geschichte und Struktur der deutschen Hochschulen lassen erwarten, dass wir uns nicht generell um den Mindeststandard Sorgen machen müssen. Ein gigantischer Apparat wird also in Gang gesetzt für ein Ergebnis, das wir sowieso schon kennen.

Insofern geht es bei der Akkreditierungsdiskussion nicht nur um die Sicherung des Mindeststandards, sondern unterschwellig immer auch um die Attestierung von Andersartigkeit, von Differenz. Eltern suchen für ihre Kinder die Hochschule mit den besseren Bildungschancen, junge Menschen fragen nach der Arbeitsmarktrelevanz ihrer Ausbildung, Wissenschaftler nach der Forschungsexzellenz der jeweiligen Institution. Weil sie sich profilieren wollen in einem wettbewerblichen Bildungsmarkt, suchen Rektoren und Dekane nach den Akkreditierungseinrichtungen, die ihnen bescheinigen, dass sie in einer Reihe stehen mit guten Universitäten dieser Welt. Die Spitzenuniversitäten Stanford, Harvard oder Berkeley zeigen aber auch, worauf es wirklich ankommt: auf den guten Ruf und damit das Vertrauen ihrer Klientel. So haben sie es gar nicht nötig, sich akkreditieren zu lassen. Sie können das eingesparte Geld für die Qualität ihrer Einrichtungen verwenden.

Was also tun gegen den Virus Akkredititis, der Hochschulen und Politiker befallen hat? Zuerst einmal und zuvorderst nicht Studiengänge, sondern lediglich Hochschulen akkreditieren. Denn Studiengangsakkreditierung ist das Stützkorsett für geschwächte akademische Körper, deren oberes Ende an BSE-artiger Substanzerweichung leidet. Die Verantwortung für die Qualität gehört aber in die institutionelle Gesamtverantwortung der Fakultäten und Hochschulen, das heißt in die Hand eines hochschuladäquaten Qualitätsmanagements, verbunden mit qualitätsorientierten Budgetierungsmodellen und Berufungsentscheidungen. Es genügt also, zu schauen, ob ein hinreichendes Qualitätsmanagement vorhanden ist, um die Prüfung von Mindestanforderungen vorzunehmen.