Tippi Okanti, Tochter des Fotografenehepaares Sylvie und Alain Degré, wurde 1990 in Windhoek, Namibia, geboren. "Ich bin eine weiße Afrikanerin, und Afrikaner sind keine Rassisten", sagt sie laut und stolz. Die längste Zeit ihres Lebens verbrachte sie barfuß - ein paar Pfeile im Köcher und bekleidet mit einem Lendenschurz, ohne Angst vor großen Tieren, sondern mit ihnen ins Gespräch vertieft. Der Bildband Tippi aus Afrika, für den das Dschungelkind vor der Kamera der Eltern hundertfach posierte, dokumentiert das extravagante Zusammenspiel der jungen Zweibeinerin mit Elefanten, Löwen, Gazellen und einem kleinen Krokodil: wie Tippi nach Däumlingsmanier auf dem Kopf des Dickhäuters Abu reitet und ihre Beine in dessen Ohrmuschel baumeln lässt, wie sie den beutehungrigen Leoparden J&B zur Räson bringt oder für ihren ältesten Freund, das Chamäleon Léon, Heuschrecken fängt.

Selbstbewusst, vorwitzig und koboldhaft wie ein Babypavian geriert sich die Prinzessin der Tiere nicht nur auf diesen grandiosen Fotos. Auch der Begleittext, den sie in ein Diktiergerät sprach, zeugt von frühreif-altkluger Intelligenz und berückender Naivität zugleich. Den Verdacht, die Erwachsenen hätten ihr die Bonmots im Saint-Exupéry-Stil auf die Zunge gelegt, lässt Tippi nicht gelten: Die Fotos der Eltern haben sie zu "wilden Sätzen" animiert. Da war die Sache mit der Berufung klar. "Ich bin eine Prophetin. Dafür bin ich gemacht. Ich bin geboren, um die Seelen der Tiere zu retten", trompetet sie durch das Café Flore. Und weil sie trotz höherer Weihen gerne lacht, erzählt sie die Geschichte von ihrem afrikanischen Wecker - einem Hahn, der jeden Morgen die Treppe hinauf in Tippis Zimmer stolzierte und ihr ganz exklusiv ins Ohr krähte.

Dass Sylvie und Alain Degré die possierliche Tochter zum Zweck der Vermarktung in lebensbedrohliche Abenteuer verwickelt hätten, kritisierten französische Journalisten - sehr zum Ärger der exotischen Familie. Und Tippi sagt: "Gott muss schon Rentner gewesen sein, als er die Menschen schuf." Überhaupt fängt in den Städten, in denen sich die Leute auf die Füße treten, das Unglück erst richtig an. So ging die Ehe von "Maman" und "Dadou" in die Brüche, und Tippi musste vom Kreuz des Südens unter die Dächer von Paris ziehen. Dort sah sie in den Schlachtereien tote Hühner am Haken hängen, die sie an ihren afrikanischen Wecker erinnerten. Der Bauch fing zu rumoren an. Da hat nur das Wünschen wieder mal geholfen: schnell das nächste Buch über Harry Potter lesen, irgendwann ein Superstar wie Michael Jackson werden und eine Stiftung für Raubtiere gründen. Besonders blau aber funkeln Tippis Augen, wenn von den nächsten Sommerferien die Rede ist. Dann fliegt die kleine Schwester der Erdmännchen zurück nach Hause und holt in Windhoek ihren ältesten Freund ab: das Chamäleon Léon.

Tippi aus Afrika. Das Mädchen, das mit den Tieren spricht
Tippi Degré; aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Ullstein Verlag, München 2001
146 S., 39,90 DM