Wer zählt die Weine, kennt die Sorten?

Das Thema war der Wein. Die kleine Messe fand in Straßburg statt, die große in Düsseldorf. In Straßburg bekam jeder Weinbeißer für 13 Mark ein kleines Becherglas und konnte bei 400 französischen Winzern Weine probieren. In Düsseldorf musste man akkreditiert sein, um überhaupt in die vielen Hallen der Prowein 2001 hineinzukommen. Gläser stellten die Winzer an ihren Ständen zur Verfügung. Es waren zum Teil erstklassige Gläser, wie auch die Winzer eher Großproduzenten waren als kleine Familienbetriebe wie in Straßburg. Groß auch die Anzahl und der Aufwand. Über 2000 waren es in Nordrhein-Westfalen, viele hatten viel Platz für ihre Kunden, und ihre Sitzmöbel stammten keineswegs von Ikea. Manches war in Düsseldorf richtig protzig und unpersönlich. Während ich in Straßburg den Weinbauern oder ihren Frauen ins freundliche Winzerauge blicken konnte, reichten mir in Düsseldorf schicke Repräsentantinnen der Weingüter hochglänzende Pressemappen.

Und dazwischen lagen nur vier Stunden Autofahrt!

Der Unterschied zwischen beiden Weinmessen besteht darin, dass in Strassburg nur kleinere Winzer aus allen Ecken Frankreichs ihre Flaschen zu verkaufen hoffen, wohingegen sich in Düsseldorf die internationale Weinwelt trifft, Fachgespräche führt und sich dabei aufführt wie auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Kaufen kann man von den ausgestellten Flaschen keine, es sei denn, man bestellt einige Paletten, die werden dann per Container um den Erdball geschickt. Aber in Straßburg schleppen die Besucher die Weinkartons zu ihren Autos wie bei Aldi. Dort ist nichts gestylt und schick, aber man kann für den heimischen Keller wunderbare Entdeckungen machen und sich dadurch die Reise durch Frankreichs Weinbaugebiete ersparen, wo sich bekanntlich nicht jede Tür einladend öffnet.

Hier jedoch, mit dem kleinen Probierglas in der Hand, schlendert man (oder schiebt sich) von Stand zu Stand, und schon lacht das Herz und schnalzt die Zunge! Das Scheckbuch wird geblättert und ein weiterer Karton auf dem rollenden Kofferträger festgezurrt, den Routiniers vorsichtshalber mitbringen; man kann ihn aber auch für 30 Mark am Eingang kaufen. Da die ganz großen Weingüter sich hier nicht blicken lassen, kann man sich in Straßburg auf Weine unterhalb der 40-Mark-Grenze konzentrieren.

So fand ich einen Savennières, den ich einmal in einem Restaurant getrunken hatte und seitdem vergeblich suchte. Ich zog Prince Probus, den wahrscheinlich besten Cahors, zu meinem Auto und fand auch noch einen Puilly-Fuissé mit geradezu edlem Charakter (aber bürgerlichem Preis). Es führten ihre Weine vor und waren von Interessenten stark umlagert die Domänen Mas Amiel (ein süßer Rotwein aus dem Roussillon) und Château Montus (Madiran), dessen Spitzengewächs Cuvee Prestige allerdings 182 Franc kostete. Interessant war, dass nur wenige gute elsässische Winzer vertreten waren; wahrscheinlich haben sie durch ihre Lage im alemannischen Dreiländereck keinen Mangel an Kunden. Trotzdem gilt: Wer hier nicht die Weine findet, die er für seinen Keller braucht, braucht eine Brille.

Natürlich ist das in Düsseldorf nicht viel anders. Hier konnte man sich einen Überblick über die Weinproduktion der ganzen Welt verschaffen. Wenn es die Winzer nicht selber waren, die zur Kostprobe einluden, so doch deren Importeure, bei denen man Kontakte für spätere Lieferungen knüpfen konnte.

Schließlich stellten nicht nur Weinproduzenten in Düsseldorf aus, sondern auch Gläser- und Karaffenhersteller. Die Kitschindustrie, seit jeher stark mit dem Wein verbunden, drängte sich mit dem bunten Repertoire ihrer Überflüssigkeiten dem Besucher auf, der sich die Augen rieb, um zu begreifen, dass auch so etwas für Weintrinker relevant sein kann.

Wer zählt die Weine, kennt die Sorten?

Die neue Beliebtheit der spanischen Weine spiegelte sich in der Halle 9 wider, die fast vollständig von den Weinen aus Rioja, Penedes, Navarro und Duero belegt war. Die Fortschritte, die im dortigen Weinbau erzielt wurden, waren überdeutlich. Die zum Teil schönen Weine aus den USA haben sich dagegen kaum verändert. Die Weißen, vor allem die Chardonnays, protzen mit buttriger Üppigkeit und hohem Alkohol, den Roten fehlt meistens der persönliche Charakter. Auch Australien und Chile tendieren zum so genannten Designerwein, dessen Weichheit und fast süße Frucht das Resultat von kellertechnischen Tricks sind (Ausnahmen gibt es immer) und der morgen wahrscheinlich als Modewein von gestern disqualifiziert werden wird.

Verständlicherweise waren die deutschen Winzer fast vollständig präsent. Wer noch nicht wusste, wie sich ein Riesling von einem Grauburgunder unterscheidet, konnte an den riesigen Gemeinschaftsständen zum Kenner werden.

Allerdings mit einer Einschränkung: Es standen fast nur Proben des Jahrgangs 2000 zur Verfügung, und auch ein gelegentlicher 1999er ermöglichte keinen wirklichen Überblick, wenn man nicht überprüfen kann, wie eine Riesling-Spätlese schmeckt, wenn sie fünf Jahre alt ist. Die Winzer selber schien das am wenigsten zu stören. Sie waren bester Laune und witzelten mit Kollegen und Händlern um die Wette, als sei das Goldene Zeitalter angebrochen. Dabei war nur ein nicht überragender Jahrgang zu Ende gegangen.

Die Prowein in Düsseldorf ist fabelhaft organisiert, wie man das von einer deutschen Messe erwartet. In Straßburg herrschte ein vergleichsweise chaotisches Gedränge, die Parkplatzmisere ist notorisch. Aber ich hatte das Gefühl, einen Weihnachtsmarkt gegen die Abflughalle eines Großflughafens einzutauschen. An der Ill trug ich nach drei Stunden neugierigen Probierens viel versprechende Kartons in mein Auto, vom Rhein nahm ich nach drei Tagen tiefe Augenringe mit nach Hause.