Gross: Meine Zahl ist selbstverständlich nur eine Annäherung. Aber sie tauchte an verschiedenen Stellen auf: nicht zuletzt auf dem Denkmal, das in Jedwabne noch in den sechziger Jahren an die angeblich von den "Hitleristen" verübte Gräueltat erinnern sollte. In Akten des Sicherheitsdienstes figuriert die Zahl 1200

im Erinnerungsbuch der Jedwabner Juden, das 1980 in Amerika herauskam, ist von 1460 Toten die Rede.

Bei der Feuerversicherung waren 110 jüdische Hausbesitzer aus Jedwabne gemeldet. Geht man davon aus, dass in vielen Häusern zwei Familien lebten und die Familien kinderreich waren, ergibt sich schon eine Zahl über tausend.

Außerdem hielten sich am 10. Juli in Jedwabne auch Juden aus anderen Dörfern auf, Juden, die aus den benachbarten Orten Wasosz und RadziIów geflohen waren, weil dort bereits am 5. und 7. Juli 1941 Pogrome stattgefunden hatten.

zeit: Bogdan Musial, in Deutschland wegen seiner Kritik an der Wehrmachtsausstellung bekannt geworden, wirft Ihnen vor, die historischen Umstände des Mordes außer Acht zu lassen. Zu einer "Explosion des Antisemitismus" in den ehemals polnischen Ostgebieten - so Musial - sei es vor allem deswegen gekommen, weil ein Teil der Juden mit der sowjetischen Besatzungsmacht kollaboriert hätte.

Gross: Dieses stereotype Denkmuster ist sehr verbreitet. Aber was heißt Kollaboration? Die Sowjetisierung sah als Erstes die Liquidierung aller Institutionen vor, die mit dem polnischen Staat verbunden waren: Gerichte, Verwaltung, Polizei et cetera. Weil in diesen Institutionen ausschließlich Polen arbeiteten, wurden natürlich ausschließlich Polen entlassen.

Anschließend tauchten Juden da auf, wo sie vorher aufgrund der Diskriminierung im Zwischenkriegspolen nicht hatten sein dürfen: auf der Post, bei der Polizei, auf leitenden Stellen in den Fabriken. Ist das bereits Kollaboration? Außerdem: Die Juden bildeten nur 10 bis 11 Prozent der Bevölkerung in den Ostgebieten, aber 25 bis 30 Prozent unter den von den Sowjets nach Sibirien Deportierten. Ist das Privilegierung?