So umstritten die Probleme rund um die Sterbehilfe unter Medizinern, Juristen und Philosophen auch sind, in einem sind sie sich einig: Die Rechtspraxis wird der Realität auf Intensivstationen und in Pflegeheimen immer schwerer gerecht. Die Fähigkeit der modernen Apparatemedizin, Todgeweihte lange am Leben zu halten, hat juristische Probleme geschaffen, die dem Gesetzgeber früher nicht bewusst waren. Anders als in den Niederlanden ist die Sterbehilfe hierzulande gesetzlich nicht ausdrücklich geregelt. Die Mord- und Totschlagparagrafen 211 und 212 des Strafgesetzbuches sind für diese Fälle nicht konzipiert, und auch der Paragraf 216, der die Tötung auf Verlangen mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren bedroht, deckt die Problematik nicht ab.

Offiziell wird die aktive Sterbehilfe von Politikern und Verbänden vehement abgelehnt, während deren passive Form ebenso wie die indirekte Sterbehilfe auch in Deutschland weitgehend akzeptiert ist. Doch die juristischen Abgrenzungen zwischen "Tun und Unterlassen", "Wollen und Inkaufnehmen" verschwimmen tagtäglich im Graufeld der Praxis.

Eindeutig ist die Rechtslage nur bei der passiven Sterbehilfe, also dem Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen: Wenn der Patient ausdrücklich verlangt, eine Behandlung einzustellen oder gar nicht erst zu beginnen, muss der Arzt diesem Willen folgen. Schwieriger sind jene Fälle, in denen Patienten - wie zum Beispiel Walter K. - erklärungsunfähig sind. Hat der Sterbevorgang bereits eingesetzt, gestattet der Bundesgerichtshof den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung, Bluttransfusion oder künstliche Ernährung. Könnte der erklärungsunfähige Patient aber noch längere Zeit leben, etwa beim apallischen Syndrom, ist sein mutmaßlicher Willen zu berücksichtigen.

Die Frage ist: Wer ermittelt diesen mutmaßlichen Willen? Dabei stützt sich der Bundesgerichtshof (BGH) auf Paragraf 1904 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der sich auf lebensgefährdende Eingriffe bezieht. Er verlangt neben der Einwilligung des Betreuers zusätzlich die Genehmigung durch ein Vormundschaftsgericht. Diese Regelung wendet der BGH analog auch auf lebensbeendende Maßnahmen an. Den mutmaßlichen Patientenwillen müssen also sein Betreuer und das Gericht ermitteln. Liegt kein Patiententestament vor, sind dazu mündliche Äußerungen und religiöse Überzeugungen heranzuziehen.

Diese Auslegung des BGH ist allerdings für die Amtsrichter im Einzelfall nicht verbindlich.

Anders als bei der passiven verabreicht der Arzt bei der indirekten Sterbehilfe Schmerzmittel, die den Todeseintritt beschleunigen können. Die Zulässigkeit dieser Vergabe hat der Bundesgerichtshof 1996 erstmals bestätigt: "Eine ärztlich gebotene schmerzlindernde Medikation entsprechend dem erklärten oder mutmaßlichen Patientenwillen wird bei einem Sterbenden nicht dadurch unzulässig, dass sie als unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene unvermeidbare Nebenfolge den Todeseintritt beschleunigen kann."

Für das Strafrecht bedeutsam ist in diesen Fällen der Vorsatz des Arztes.