Die Fähigkeiten qualifizierter Frauen werden in der Bundesrepublik nicht ausgeschöpft. Unsere Gesellschaft leistet sich damit den Luxus, vorhandene Ressourcen nicht rational zu nutzen. Zwar verspricht unser Grundgesetz vollmundig die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Mehr noch: In der Verfassungsreform von 1994 wurde ein Auftrag formuliert, der Staat habe auf die tatsächliche Gleichberechtigung hinzuwirken und Nachteile abzubauen.

Da bleibt noch viel zu tun: 57 Prozent der Frauen in Deutschland sind inzwischen erwerbstätig. Allerdings ist diese günstige Entwicklung nur dadurch erreicht worden, dass Frauen vor allem beim Berufseinstieg Beschäftigungen erhielten, die ihren Qualifikationen nicht entsprachen. Im Bildungsniveau liegen Frauen vorn. In den Führungspositionen der Wirtschaft jedoch beläuft sich der Frauenanteil bei kleinen und mittleren Unternehmen auf 16 Prozent, im oberen Management großer Unternehmen auf zwischen 5 und 8 Prozent. Jenseits des Atlantiks ist das anders: In den Vereinigten Staaten sind 46 Prozent und in Kanada 42 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Führungspositionen tätig. Auch im europäischen Vergleich bildet Deutschland mit Spanien und Italien das Schlusslicht.

Die Misere hat einen Grund: Die deutsche Wirtschaft weigert sich größtenteils noch immer, Frauen die gleichen Chancen zu bieten wie Männern. Wenige Großunternehmen, wie die Telekom, aber auch einige Klein- und Mittelbetriebe beweisen, dass es auch anders geht. Sie betreiben Gleichstellungspolitik und fahren gut damit. Aber die Zahl solcher Unternehmen ist gering. Den Benachteiligungsverboten, die den Vorgaben des europäischen Gemeinschaftsrechts folgen, haben sich die meisten Unternehmen weitgehend entziehen können. Der Staat darf nicht länger zuschauen. Deshalb brauchen wir ein Gesetz, das die Unternehmen verpflichten muss, eine Gleichstellungspolitik zu entwickeln und umzusetzen. Das sollte ein modernes Gesetz sein. Keines, das obrigkeitsstaatlich vorgeht, sondern eines, das auf Selbstregulierung setzt. Seiner Verantwortung wird der Staat dann gerecht, wenn er die Maßstäbe setzt und Rechtsfolgen daran knüpft. Wenn sich die Unternehmen ihrer Verpflichtung entziehen, muss das mit Nachteilen verbunden sein.

So war es überfällig, dass in die Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Bundesregierung die Ankündigung aufgenommen wurde, man werde ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft schaffen. Aber kaum wird es ernst, protestiert die Wirtschaft lautstark. Und findet Gehör - auch der Kanzler zögert. Zu Unrecht.

Die Wirtschaft argumentiert mit einer Prognose: Es würden in wenigen Jahren so viele qualifizierte Arbeitskräfte fehlen, dass sich die Unternehmen um die Frauen geradezu reißen würden. Wen soll das überzeugen? Die Enkelinnen von Trümmerfrauen, deren Müttern es verboten war, auf dem Bau zu arbeiten? Frauen taugten schon immer für jede Arbeit, wenn kein Mann zur Verfügung stand. Was hat das mit Gleichstellung zu tun? Die Unternehmen werden, wenn nichts geschieht, Frauen akzeptieren, solange sie der Arbeitsmarkt dazu zwingt, sofern sie Lücken nicht aus dem neuen männlichen Arbeitskräftepotenzial der EU-Beitrittsstaaten decken können. Dahinter steht keinerlei Einsicht in die Fähigkeiten von Frauen, keine Besinnung auf Gerechtigkeit. Das ist nur das aktuelle Muster der bekannten Diskriminierungsmasche - Frauen als Lückenbüßer. Nein, gerade diese Argumentation der Wirtschaft belegt es: Wir brauchen ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft.

Die Autorin ist Direktorin des

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung