Meine Mutter ist aber nicht da", antwortet das Mädchen dem Mann an der Haustür. - "Ich weiß", erklärt der Polizist unheilverkündend. Unter schlechterem Vorzeichen kann eine Geschichte nicht beginnen: Die Mutter ist tot, bei einem Verkehrsunfall in München überfahren, das zehnjährige Mädchen muss zum "Babbo" nach Süditalien. Die Mutter heißt Bergmeister, der Vater Carboni, das Mädchen Julia. Bald nennt man sie Giulia, wohnhaft in Bucocorto, dort, wo die Nonna, die Großmutter, bestimmt, wie man ein Mädchenzimmer einrichtet, wann der Vater zu schweigen hat, dass am Wochenende zu Hause geblieben und nicht bei einer Freundin übernachtet wird. "Das tut man nicht.

Es kommt auch darauf an, was die anderen sagen."

Handy, Stiefel mit Plateausohlen, CDs, die Lederjacke - all das wirkt vertraut in Bucocorto, und doch leben diese Dinge in einer anderen Welt. Ganz langsam - Jahr für Jahr - schnürt es Julia die Luft ab, sie sitzt in der Falle. Nur wenn sie sich einen Freund sucht, kann sich die - inzwischen - 14-Jährige freier bewegen. Seltsamerweise hat ihr Babbo nichts dagegen, als sie mit dem jungen Alessio geht, und selbst die Nonna lächelt zufrieden.

Alessios Eltern besitzen ein florierendes Bauunternehmen, sind gute Kunden und vermitteln der Autowerkstatt des Vaters lukrative Aufträge, sodass er nicht mehr gezwungen ist, nachts mit dubiosen, wollmützenvermummten Leuten Geschäfte zu machen. Es lässt sich gut an, ist für alle von Vorteil, bis Julia bemerkt, dass Giulia verlobt ist.

Werner Raith fügt Stein auf Stein, ein meisterlicher Handwerker, und unmerklich findet sich der Leser auf der anderen Seite einer Mauer, die unüberwindbar scheint. Spannend wie in einem Krimi inszeniert er die Versuche des Mädchens, der Enge des Dorfes zu entkommen, und nachfühlbar beschreibt er den Konflikt zwischen ihrer Loyalität zum Vater und dem Wunsch nach Freiheit.

Bei der kleinsten Fluchtbewegung bangt man, bei jedem Schritt, den Julia auf verbotenes Terrain macht. Und gerade damit tappt sie in die nächste Falle: Die Befreiung aus dem Gefängnis der Tradition endet in der Enge der zu frühen Liebe. Die Auflehnung gegen die Befehle der Alten, so triumphiert die Nonna, sei leichter als die Auflehnung gegen die liebenden Gefühle des anderen.

Die Hälfte des Mondes - Alessios verpflichtendes Verlobungsgeschenk am Goldkettchen - vermeidet die Gefahr, mit gutem Willen und besten Absichten über die Verschiedenheit von Kulturen zu richten. Dazu ist der Roman zu sehr aus den nachvollziehbaren Widersprüchen dieses Landes geschrieben, dazu lebte Werner Raith zu sehr in den Gefühlen seiner Personen.