Alfred Schreyer führt ein mühseliges Leben. Er schlägt sich durch und hofft, die Zahlung an ehemalige Zwangsarbeiter noch zu erleben. Er ist fast 79 Jahre alt. Er ist einer jener Hunderttausenden, die "Glück hatten" - er hat die Nazis überlebt.

Jeder der am Leben Gebliebenen hat eine eigene Geschichte, aber es gibt eine Gemeinsamkeit in all den Lebensläufen: Die erste Hälfte der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat ihr Schicksal bestimmt, hat sie psychisch und physisch gezeichnet, selbst wenn bei oberflächlicher Betrachtung "alles in Ordnung" ist. Die Spuren dieser Zeit wird man nicht los.

Alfred Schreyer führt mich durch Drohobycz, eine Stadt mit 80 000 Einwohnern, in der heutigen Ukraine gelegen, 60 Kilometer von Lemberg, der Hauptstadt des früheren Galizien, entfernt. Die Armut dieser ehemals blühenden Gegend ist unübersehbar. Es ist die Stadt, in der Schreyer geboren wurde, in der seine Eltern und Großeltern ein großbürgerliches jüdisches Leben führten. Das Elternhaus existiert nicht mehr. Wir kommen zu der einst prächtigen, inzwischen völlig verfallenen großen Synagoge. "Es gibt ja keine Juden mehr, die sie aufbauen und nutzen könnten", sagt Schreyer. Er zeigt mir ein Eckgebäude, das vormals auch eine Synagoge war, in der zwei SS-Männer an einem Nachmittag alle 70 oder 80 Kinder erschossen, die hier Zuflucht gefunden hatten, nachdem ihre Eltern "abgeholt" worden waren. Und er zeigt mir den Platz, wo sein Lehrer, der Maler und Dichter der Zimtläden, Bruno Schulz, von einem SS-Mann erschossen worden war.

Auch Alfred Schreyers Eltern sind umgebracht worden - der Vater im Konzentrationslager Belzec. Die Mutter wurde im Bronitzer Wald mit Tausenden anderer Juden erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Ein Waldarbeiter brachte dem jungen Alfred den Mantel der Mutter mit seinem Foto in der Tasche. Darauf hatte sie geschrieben: "Ich bin glücklich, dass mein Sohn lebt, ich gehe mit seinem Bild in den Tod." Dieses Foto hat er immer bei sich getragen, solange es ging.

Seit "die Sowjeten" weg sind, kommen Touristen und Journalisten aus Deutschland und wollen wissen, wie "es" war. Schreyer führt sie durch die Stadt und erzählt. "Für diese Deutschen bin ich jetzt 'der Herr Schreyer' und nicht mehr Nummer 56001", sagt er.

1942 kam der 20-jährige Musikstudent ins ZAL, ins Zwangsarbeitslager, sein erstes. Er arbeitete in der Tischlerei, er war kräftig und geschickt, "da ging es noch". Als dieses Lager 1943 aufgelöst wurde, kam er mit anderen "Brauchbaren" in ein Lager zur Karpaten-Öl, im April 1944 trafen die Viehwagen ein, und wiederum wurden die, die noch einigermaßen bei Kräften waren, weiterverfrachtet. "Ich kannte die Strecke", erzählt Schreyer, "und ich wusste, wenn der Zug nach rechts abbiegt, dann kommen wir nach Krakau-Plaszow, ein berüchtigtes KZ." Der Zug bog ab, die ukrainische Polizei nahm sie in Empfang. "Aber diese Hölle war nur die Vorhölle, verglichen mit dem, was noch kommen sollte." Vom 14. April 1944 bis zum Oktober blieb er dort, dann ging es weiter nach Groß-Rosen, wo man ihm die letzte Erinnerung an seine Mutter, das Foto mit ihrer Schrift darauf, abnahm. Am 4. November kam er nach Buchenwald, ins Außenlager Taucha bei Leipzig, in eine Panzerfaustfabrik. "Bis zum 6. April 1945, da wurden wir evakuiert. Ich wog nur noch 39 Kilo, hatte Wasser in den Beinen und war ein lebender Leichnam, ein 'Muselmane'" - trotzdem hat er noch eine Weile durchgehalten, in einer Kolonne von etwa 2000 Mann, bewacht vom Volkssturm und einem einzigen SS-Mann. Schreyer schleppte sich vorwärts, fiel zurück und geriet in eine Gruppe deutscher Häftlinge. Einer, den er schon im Lager getroffen hatte, sagte leise "Pass auf!" und stieß ihn in den Graben. "Das war meine Rettung."

Schreyer berichtet, wie nach einigen Stunden, die er erschöpft geschlafen hatte, ein Hitlerjunge auf einem Fahrrad vorbeikam, der auf seine Bitte, ihn mitzunehmen, tatsächlich sagte: "Steig auf", und mit ihm ins nächste Dorf fuhr. Dort versteckte Schreyer sich in einer Scheune.