Dies ist eine einfache Geschichte. Ein Ehepaar hat einen Autounfall und hinterlässt in Scottsville, einer Kleinstadt nahe New York, zwei Kinder. Die vierzehnjährige Sammy richtet ihr Leben danach aus, ihrem achtjährigen Bruder Terry beizustehen. Auch als Terry in die Welt zieht, um den Kleinstadtmief gegen Gelegenheitsjobs und Ausnüchterungszellen einzuauschen, bleibt Sammy im Elternhaus. Sie arbeitet in der Bank von Scottsville, geht sonntags zur Kirche und verfolgt ihren unehelichen Sohn Rudy mit der übergroßen und ängstlichen Liebe, die sie auch Terry entgegengebracht hat.

Wie kann ein Film, der keine größeren Sensationen kennt als eine alleinerziehende Mutter, auf einem Markt bestehen, der für den Kampf um die Kinokasse Gladiatoren, Massenmörder oder einen bildungshungrigen Kannibalen wie Hannibal Lecter aufbietet? Vielleicht trifft You can count on me, die erste Regiearbeit des Bühnen- und Drehbuchautors Kenneth Lonergan, keinen Nerv und erntet gerade dafür Preise wie Dankbarkeit eines Publikums, das es müde ist, sich im Kino der Zerstückelung auszusetzen.

Nicht dass von Lonergans Arbeit am Gewöhnlichen das Heilsversprechen spiritueller und psychischer Ganzheitlichkeit ausginge. Aber etwas setzt sich doch zusammen im Puzzle des Alltags, dem Lonergan Spannung und Komik abringt.

Wo sich Risse auftun, da sieht man bei Lonergan nicht den Abgrund ausgereizter und dämonisierter Psychosen, sondern eine andere Ebene seines Menschenbilds und seiner Erzählung: die Projektionsfläche unter der Projektionsfläche, die dünne Haut unter verschorften Wunden.

Das Einfache in diesem Film ist nicht das Offensichtliche. Wenn ein Polizist zu Beginn den Kindern die Nachricht vom Tod der Eltern bringt, sieht man sein gequältes Gesicht - man muss die Botschaft nicht hören. Anne McCabes feinsinnige Schnitttechnik spart die Gemeinplätze aus. Das Wesentliche findet sie im Anschluss an eine immer rascher verfliegende Zeit. Eben noch kniet Sammy als Teenager am Grab der Eltern, schon ist sie 35 und verliert die Kontrolle über ihr lückenlos verwaltetes Dasein. Das Leben geht weiter, aber es sagt nicht, wohin. Der neue Manager von Scottsvilles Bank hat viele Worte übrig, aber kein Verständnis für Sammys existenziellen Balanceakt. Mehr Service für Scottsville heißt die Devise des eitlen Brian, weniger Zeit für Sammys Sohn Rudy. Als Terry zu Besuch kommt, zunächst nur, um seine Schwester anzupumpen, schöpft Sammy Hoffnung: Könnten ihr Bruder und ihr vaterloser entmutigter Sohn sich nicht gegenseitig erziehen? Der achtjährige Rudy ist begeistert von seinem anarchischen Onkel, der ihn heimlich zum Billardspielen mitnimmt. Terry entdeckt, dass er außer dem verwaisten Achtjährigen in sich selbst auch noch einen anderen Menschen lieben kann.

Sammy nutzt die unter Gewissensbissen gewonnene Freiheit, um sich in eine Affaire mit Brian zu stürzen, die beweist, wie vielschichtig Lonergans Charaktere sind. Im Bett mit der wundersam belebten Sammy (Laura Linney) löst sich das Überich des Ehrgeizlings in Wohlgefallen auf

im Büro setzt er den Krieg gegen seine schönste und unpünktlichste Angestellte fort. Wie aber soll Sammy es mit sich vereinbaren, dass der Priester, dem sie die Liebschaft beichtet, ihr nicht mal ein Dutzend Vaterunser aufbrummt? Lässliche Sünden, konstatiert der Regisseur in der Rolle des Priesters Ron, der als geweihter Psychologe alles versteht und das Vergeben anderen überlässt.