Man hatte sich so schön daran gewöhnt: Indische Ragas haben betörend-besänftigende Wirkung, stellen Kontakt zur Harmonie der Universen her, leiten Stress durch sanfte Klänge und unendliche Melodien ab, vorangetrieben durch zartes Tabla-Getrappel - kurz: "Goldstaub, der den Rücken herabrieselt". Dann kam Purbajan Chatterjee, stimmte den Raga Marwa an, und das Klischee zerstäubte. Er lässt die Saiten aufheulen, schraubt seine Patterns spiralig an den Rand des Ausdrucks, quält seine Sitar durch alle Register, wie nur einer es kann, der seine desperaten Gedanken im abgrundtiefen Blues-Rock-Riffs ertränken muss. Slowhand Clapton aus Kalkutta?

Glauben Sie nichts davon. Verzweiflung und "Blaue Stimmungen" (blue mood) sind in der indischen Musik keine Kategorien. Alle Assoziationen expressiver Natur sind rein zufällig, für Richtigkeit kann nicht gehaftet werden.

Insbesondere die Ausdrucksqualitäten der Musik sind im kulturellen Vergleich der Fehlinterpretation anheim gegeben, so haben die Indianer Nordamerikas eben beschlossen, den Tod ihrer gefallenen Helden mit Dur-Terzen zu beklagen und ihre Kriegsgesänge in Moll anzustimmen - verkehrte Welt. Aber nichts ist ja befruchtender als konstruktive Missverständnisse und die wahren Motoren des Fortschritts sind nun mal Fehler und Zufall.

Raga Marwa ist nicht irgendein Raga. Seine Anmutung ist entschieden modern, bitonal, klingt als würde man A-Dur über C-Dur schichten. Purbajan Chatterjee, der 25-jährige Sitarist aus Kalkutta, der in seiner Heimat längst alle Insignien der Meisterschaft trägt, bevorzugt ihn wegen seines "esoterischen Appeals" und weil er "den Hörer ins All zu tragen vermag".

Seine Fassung auf der CD Horizon (Peshkar PCD9904) ist knapp über eine Stunde lang und hat damit die Ausdehnung einer Bruckner-Symphonie. Auch seine Form, die Abfolge der Sätze, ist uns Europäern nicht ganz unvertraut: Im Alap, einer freien, langsamen Einleitung, entfaltet Chatterjee den Raga, im rhythmisch prägnanten zweiten Teil, Jor, spitzt er die Melodien zu. In der liedhaften Komposition Gat geht die Post ab, und im Jhala, dem schnellen, rhythmisch bewegten Finale, kommt sie an. Dank Aninda Chatterjee, dem Tabla-Virtuosen, der wahrhaftig ein Feuerwerker erster Klasse ist. Bleibt noch das Label Peshkar zu nennen. Es hat nicht nur ein feines Sortiment, sondern auch eine reichlich sprechende Adresse, als da ist: Himmelsstieg 22, 37085 Göttingen, Fax 0551-790 67 02, peshkarcd@aol.com.