Hundert Kilometer Autobahn - 20 Mark, einmal Volltanken 100 Mark. Jeder Besitzer eines Mittelklassewagens kennt das Lied. Aber wie wäre das? 7 Mark für 100 Kilometer, Volltanken 16 Mark? Einen Ford Focus Turnier (115 PS) mit Vollgas über die Autobahn scheuchen - und so günstig fahren wie in einem Dreiliter-Lupo? Das geht, und zwar so: Man halte an Tankstellen, die neben den üblichen Horrorzahlen auch ein Feld für kleine Preise haben: 70 bis 80 Pfennig pro Liter. Nicht Benzin, sondern Erdgas. Außerdem braucht man einen "bivalenten" Ford, der Benzin oder Erdgas verbrennt.

Solche Sparfahrerei inspiriert die "Gib-Gas!"-Szene: Ford kauft von den Mainzer Stadtwerken einen Umrüstbetrieb für die Gasbetankung, Volvo, Fiat und Opel kommen mit neu entwickelten Erdgasautos auf den Markt. Stolz verweisen die Hersteller auch auf die Umweltfreundlichkeit: Die Emissionen sinken um 25 Prozent beim CO2 (verglichen mit dem Ottomotor) und bis zu 90 Prozent bei Stickoxiden und dem Kohlenmonoxid. Leiser sind die Gasautos auch. Alles prima.

Oder doch nicht? Weniger passt ins Bild, dass BMW seinen erdgasgetriebenen 316g im vergangenen Jahr fallen ließ und sich völlig aus diesem Segment zurückzog. Wer BMW verstehen will (genauer: die Kunden, die ungern 6000 Mark Aufpreis bezahlen wollten), der muss einmal ein Erdgasauto betanken. Das beginnt schon am Vorabend der Reise von Bremen ins Münsterland. Man klickt im Internet unter www.erdgasfahrzeuge.de das Stichwort Tankstellen an. Man sucht die Gaszapfsäulen in einem 60 Kilometer breiten Korridor um die Autobahn A 1 heraus (drei Stück) und druckt Anschrift, Öffnungszeiten und Anfahrtsskizzen aus. Am nächsten Morgen blinkt kurz vor Osnabrück die Reservelampe. Also wird ein Parkplatz angesteuert, Durchsicht der Ausdrucke ergibt eine Aral-Tankstelle im Zentrum von Osnabrück. Mit der dürftigen Wegbeschreibung auf den Knien, tastet man sich durch den Berufsverkehr, nach 30 Minuten ist die Tankstelle erreicht: 1,25 Mark pro Kilogramm Erdgas! Die Tankfüllung (12 Kilogramm Gas) kostet 16 Mark. Man diskutiert mit anderen Kunden über Erdgasautos und Preise. Wühlt sich wieder durch den Stadtverkehr, nach einer knappen Stunde geht es auf der A 1 weiter in Richtung Münsterland.

Wer die Erdgasfahrerei unter dem Aspekt des Tankens betrachtet, wundert sich nicht über BMW. Fünf Jahre lang hatten die Münchner den 316g produziert, dank raumgreifender Gasflaschen fast ein Zweisitzer. Am Ende wurden gerade 1000 Stück verkauft. Sprecher Thomas Steffes erzählt Leidensgeschichten von nächtlicher Tankstellensucherei und verschlossenen Toren: Erdgastankstellen liegen oft auf dem Betriebshof von Stadtwerken, und die machen irgendwann Feierabend. Es gibt im Bundesgebiet keine 180 Zapfstellen für CNG (Compressed Natural Gas).

Erdgasfahrer sollten also Pioniergeist mitbringen, Pfadfinder gewesen sein oder ein Navigationsgerät an Bord haben. Am besten alles zugleich. Und mit den Anforderungen wachsen: Gas und Benzin tanken - zwei Löcher, zwei Schlüssel, ein Deckel zum Drehen, einer zum Abziehen und immer ein Plausch mit dem Tankwart, der manchmal herbeieilen muss, weil der Druckschlauch nicht sitzt. Tücken und Finessen tun sich auf, am besten ist der Erdgasfahrer diplomierter Ingenieur: In der Betriebsanleitung steht, es sei darauf zu achten, dass die Gasquelle eine "Schnelltankstelle" sei, dass sie eine Trocknungsanlage habe und einen Temperaturkompensator.

Überhaupt die Betriebsanleitung! Eigentlich wollte man nur billig Auto fahren und nun dies: Prüftermin Druckflasche beachten! Alle 10 000 Kilometer oder jedes halbe Jahr Einblasdüsen prüfen! Auch die Schnittstellenkabel. Anlage auf Gaslecks untersuchen!

Leider reicht es auch sonst nicht, Pfadfinder und Pionier zu sein. Man muss auch bescheiden sein. CNG, obwohl komprimiert, beansprucht viel Raum. Gerade mal zwölf Kilo Gas passen in die dicke, knallrote 80-Liter-Flasche des Focus Turnier. Die besetzt den halben Laderaum, beim Großeinkauf oder Verstauen des Kinderwagens kommt kein Kombi-Gefühl auf. Und dann reicht das Gas nur 150 bis 170 Kilometer weit. Damit können allenfalls Taxifahrer oder Berufspendler auskommen, die stets um dieselbe Zapfsäule kurven.