Nächtliche Zapper in Fernsehkanälen stolpern oft zufällig über diese helle Stimme. Etwas penetrant singend und nervig insistierend klingt sie manchmal, doch erscheint sie inmitten der ständig gut Gelaunten oder ernsthaft Bekennenden als geistiger Rastplatz und Erregungspunkt. Eine mitternächtliche Wohltat, Alexander Kluges TV-Gespräche.

Mit 2000 Seiten und zwei Kilo Papier auf zwei Bände verteilt, kehrte Kluge im letzten Herbst nach langer Abstinenz wieder bei den Lesern ein. Der Titel des Monumentalwerks: Chronik der Gefühle. Ein Hauch von jener Arroganz und Zumutung war da zu spüren, der ihm ebenso viel Abneigung wie Bewunderung einbringt. Durchgehend lesen kann und soll man dieses einschüchternde Konvolut aus Geschichten und Geschichte ohnehin nicht. Also, ab mit dem Kult ins Regal, danach das beruhigende Gefühl, 98 Mark in die literarische Altersversorgung investiert zu haben. Doch wer nun 55 Mark fürs Hörbuch drauflegt, bekommt nicht nur 195 Minuten aus den Bänden vorgelesen, er kriegt zudem unbändige Lust, sich bereits lange vor der Pensionierung ans Buch zu wagen.

Das kommt zum einen von der nachdenklichen und doch entschiedenen Stimme Hannelore Hogers, seiner weiblichen Hälfte aus den Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos, aus Deutschland im Herbst oder der Patriotin, jener Kommissarin des Gefühls, die den klinisch kalten Beschreibungen Kluges die nötige Temperatur verleiht. Zum anderen von der hörerfreundlichen Auswahl der Kapitel, die mit den Katastrophen der Liebe beginnt, zum Prinzip Politik geht und mit Gemischtem endet. Es sind Höhepunkte, wenn Hoger und Kluge sich wispernd und verschwörerisch über eben erzählte Anekdoten unterhalten, über Blüchers Scheinschwangerschaft etwa, wenn sie in beckmesserischen Verdrehungen auf höchster Ebene spintisieren. Was beim bloßen Lesen oft verborgen bleibt, hier erwacht Kluges Komik zum Leben: eine Wiedergeburt von Liesl Karlstadt und Karl Valentin aus dem Geiste Heiner Müllers.

Enzensberger hat bemerkt, dass die Geschichten von Alexander Kluge der gesprochenen Sprache nahe stehen, da sie dem Leben abgelauscht sind. Streng und karg in Schriftsprache fixiert, werden sie durchs Vorlesen wieder ins Menschliche transponiert, gewinnen ein Gefühl, das dem Protokollarischen fehlt. Ob er von Therapiesitzungen liebesgestörter Paare erzählt, von der Hinrichtung des Elefanten auf Coney Island oder dem Härtestandpunkt in der Politik, immer steckt hinter der Geschichte eine Frage, verbindet er die absonderliche Nachricht aus dem Vermischten mit dem frisch Erfundenen, das anheimelnd Besondere mit der kalten Statistik. Er konfrontiert die richtigen Gefühle mit falschen Situationen, beschreibt eine Moral, die aus der Zeit gefallen ist. Ob in Stalingrad oder am Frankfurter Hauptbahnhof.

Jaa?!? - Alexander Kluges gehechelter Frage- und Pausepartikel ist inzwischen Gemeingut, ein intellektuell akzeptiertes "gell", eine Verständnis heischende Nachfrage, ob der andere ihm denn so weit geistig folgen konnte. Nur behutsam klinkt er sich im Laufe der drei CDs zwischen Hannelore Hogers Lesung ein, die den schnellen Gedankensprüngen etwas Langsamkeit verleiht. Und manchmal singtspricht sie sogar: Eislers Und endlich stirbt die Sehnsucht doch ... oder Es war einmal ein treuer Husar zusammen mit Kluge im gepfiffen-gebrummten Duett. "Volkslied, anonym" - und so bringen sie's: nicht als Parodie, sondern mit melancholischer Verbeugung. Natürlich können sie ebenso wenig singen wie Therese Giese oder Sepp Bierbichler, und ebenso können nur sie es so singen.

Was am Ende einer Geschichte zu denken ist, lässt Kluge meist offen. Wird sie gehört, verstärkt sich jenes zauberische Schweben, das viele stört. Er ist weder Wissenschaftler noch Poet, noch Jurist, noch Archivar. Und zugleich alles. Das irritiert, man möchte doch gerne wissen, was man meinen darf.

Liest man im Buch, bleiben die Stimmen der beiden wie eine akustische Täuschung auf der Membran des Ohres haften. Man wird sie nicht los.