Es war Sänger Oscar Brown jr., der abfällig von einer "europeanized negro music" sprach. Trifft diese Sottise auf das Modern Jazz Quartet zu, dessen Pianist und Spiritus Rector John Lewis 80-jährig am 29. März gestorben ist?

Erinnern wir uns. Auf der Bühne: vier Afroamerikaner im Smoking.

Distinguierte Körpersprache. Hier wird nicht transpiriert. Wir haben Niveau.

Die Besetzung: Vibrafon, Piano, Bass, Schlagzeug. Über allem scheint ein Adagio zu liegen: The Last Concert. Der Sound ist ein vornehm swingendes Klingeling. Das Repertoire: Balladen, Blues, barockgetönte Werke aus der Feder von John Lewis. Es galt als der Motor hinter dem zarten Konservativismus des Ensembles, hinter dieser musikalischen Allianz von Europa und USA (Atlantik 7567-81976).

Als Pianist war Lewis "John, der Sparsame". Fast der Geizige. Ein Meister des klugen Weglassens. Seine Soli mit der rechten Hand waren oft so raffiniert ausgespart, dass einem der Atem stockte. Und seine Begleitkonzeption zusammen mit Percy Heath (Bass) und Connie Kay (Schlagzeug) ergab eine der animierendsten Rhythmusgruppen ihrer Zeit. Allerdings stand Lewis mit dem Vibrafonisten Milt Jackson ein Musiker zur Seite, dessen tiefe Religiösität und Blues-Verhaftung das Geschehen auf der Bühne überstrahlte.

"Jazz: Wo das Leben noch Lust, Leid und Risiko ist." Das ist eine Definition von Friedrich Gulda. Daran gemessen, fällt auf den mönchischen John Lewis ein gewisser Schatten. "Er hat die Zukunft verschlafen", schrien seine Widersacher, die es nicht ertragen konnten, dass seine Musik immer wieder in die Nähe von Sarabanden und Fugen geriet. Immerhin konnte man damals schon am Horizont die Klangorgien der Moderne aufziehen sehen. Und man wollte es nicht verstehen, dass John Lewis ein so harmloses Walzerchen wie Skating in Central Park aus seiner Feder fließen ließ, wo er doch seinerzeit in Dizzy Gillespies Bebop-Bigband Thelonious Monk am Klavier abgelöst und sich damit an vorderster Front der Avantgarde befunden hatte. "Das ist der Sound für Soireen bei Kerzenlicht und Kaviar." So höhnten seine Gegner. Doch John Lewis, der Sanfte, ließ sich nicht beirren. Der Schöntöner lieferte Partituren fürs Ballett, Fernsehen, Theater. Seine Musik für einen Film, der in Venedig spielt, hat ihm, der am City College von New York lehrte, den Namen "Canaletto der Musik" eingebracht. Und sein lieblich vermolltes Django ist wie ein Weihnachtslied. Unzerstörbar.